
D ie Eier sehen aus wie verschimmelte Hühner-Periodenkadaver: schwarze Kruste, angedötscht, stinkend, wie eine Vulva, in der seit Tagen der vergessene Tampon rumlungert. „Miso-Soja-Eier“, verkündet L. stolz. „Habe ich gestern Abend eingelegt.“ Dann verschwindet sie in der Bäckerei, vor der wir sitzen, lässt mich mit den Stinkeeiern allein und kommt kurz darauf mit einem Körnerbrötchen wieder. Mahlzeit.
Normalerweise bin ich es, die ungeniert ihr eigenes Essen in Cafés und Restaurants mitbringt. Zum Entsetzen meiner Freund:innen. Ich packe immer und überall meinen babyblauen Recup-Becher und die Thermoskanne mit Kaffee aus. Zu meiner Verteidigung: Decaf schmeckt überall nach Plörre. Als hätten Menschen, die ihr Nervensystem nicht unter Kontrolle haben, zwangsläufig beschissenen Geschmack.
Dann packe ich meine Tupperdose mit Müsli aus, einerseits, weil meins am besten schmeckt, andererseits, weil ich mit meinem Gehalt Prioritäten setzen muss und 12-Euro-Granola nicht dazugehört. Wenn ich ins Moviemento Kino gehe, hole ich mir davor das saftig-süße, warme Popcorn beim Yorck Kino und schmuggle es ins andere Kino. Keine Lust, mir da diese trockene, verpappte Zuckermasse mit ungepoppten Maiskörnern zwischen den Zähnen zu zerknirschen.
Aber Eiergate geht eine Nummer zu weit. Nicht, weil es asozial ist, eigenes Essen in Restaurants mitzubringen, die selbst unter steigenden Mieten, Strom- und Energiekosten leiden. Da bin ich hemmungslos. Frech genug, dass es in Innenstädten kaum noch konsumzwangfreie Orte gibt und schließlich kauft man ja noch etwas, zum Beispiel ein Körnerbrötchen. Die Eiernummer aber ist wegen des Geruchs ein No-Go. Wer Miso-Soja-Eier zum Bäcker mitbringt, konkurriert mit diesen Sadisten, die in der Deutschen Bahn Thunfisch-Eier-Sandwiches, LKWs (Leberkäswecken) und Monster-Energy Ultra Watermelon auspacken.
Tuppern als Akt der Rebellion
Ich hingegen habe noch einen Restzipfel Anstand, verstecke artig meinen Recup, wenn eine Kellnerin kommt, bestelle einen Espresso (das Billigste auf der Karte) und verschenke ihn anschließend. Win-win-win: Ich spare Geld, der Decaf schmeckt und ich schließe auch noch Bekanntschaften mit Menschen, die sich über den Espresso freuen.
So wie ich mich über die Reste anderer im Restaurant freue. Die Gäste am anderen Tisch stehen auf und lassen ihre Pizzaränder liegen? Meine. Am Nebentisch steht ein angenagter Brotkorb und wir haben noch keins bekommen? Zimmer ich mir rein.
Bestelle ich mir selbst etwas, lecke ich jeden Teller ab und Cappuccino aus, bis das Geschirr blitzeblank ist. Wenn ich mit dem Frühstücksbuffet im Hotel durch bin, lade ich mir Parmaschinken und Büffelmozzarella auf Brote, Ricotta, gebratene Zucchini, mehr Parmaschinken, noch mehr Ricotta, bis es vorne und hinten aus den Brothälften quillt. Dann scanne ich gekonnt den Raum, wickele die Sandwiches, wenn keiner guckt, routiniert in eine Serviette und lasse sie in der Tasche verschwinden.
Sieht man es so, kann das Mitbringen von Essen als Beitrag gegen Lebensmittelverschwendung gelesen werden oder sogar als Akt der Rebellion gegen den Konsumzwang. Oder L. und ich sind einfach geizig und krüsch. Aber vielleicht ist auch daran nichts auszusetzen. „Es kostet Mut, ein Bedürfnis für sich zu beanspruchen“, schreibt Jovana Reisinger in „Pleasure“. Es kostet Mut, bei der „sexy spontanen Bedürfnisbefriedigung“ schamlos zu sein und sich keine Gedanken über die Meinung anderer zu machen.






