U m zu verdeutlichen, was mit unserer Kultur in diesem auch nicht mehr ganz neuen Jahrhundert geschieht, erinnere ich gerne an die Worte eines Bundespräsidenten aus dem Jahr 1991: „Kultur kostet Geld. Sie kostet Geld vor allem auch deshalb, weil der Zugang zu ihr nicht in erster Linie durch einen privat gefüllten Geldbeutel bestimmt sein darf.“ Die Förderung von Kulturellem ist demnach nicht weniger eine Pflichtaufgabe der öffentlichen Haushalte als etwa der Straßenbau oder die öffentliche Sicherheit.
„Es ist grotesk, dass wir Ausgaben im kulturellen Bereich zumeist ‚Subventionen‘ nennen, während kein Mensch auf die Idee käme, die Ausgaben für ein Bahnhofsgebäude oder einen Spielplatz als Subventionen zu bezeichnen“, so das ehemalige Staatsoberhaupt weiter. Der Ausdruck lenke in die falsche Richtung. „Denn Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder nach Belieben streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert.“ Richard von Weizsäcker, von dem diese Worte stammen, würde wohl heute, 35 Jahre später, seine Partei, die CDU, nicht wiedererkennen.
Denn diese Partei führt, gemeinsam mit einem nur noch wenig bedeutenden Anhängsel einer ehemaligen Sozialdemokratie und unter dem Beifall einer feixenden rechtsextremen und entsprechend antikulturellen Bewegung, einen wahrhaftigen Krieg gegen alles, was einst zwischen kritischem Journalismus, unabhängigen Theatern und Museen und offenen Bildungsarbeiten als Kultur verstanden wurde. Dasselbe geschieht in der Mehrzahl der westlichen Länder, mal mit Getöse wie in den einst Vereinigten Staaten von Amerika, mal eher still und leise mit diesem „Sorry, aber wir haben einfach kein Geld mehr“.
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Aber wohin ist es eigentlich verschwunden, dieses Geld, das doch bekanntlich immer nur wachsen und immer alles besser machen soll? Hier kommt die nächste faule Ausrede: Weil Deutschland nämlich wieder „kriegstüchtig“ werden muss, kann man sich doch keine albernen Demokratieprojekte oder queere Tanzperformances mehr leisten. Irgendwann wird jemand eine Untersuchung anstellen über den Zusammenhang zwischen Militarisierung und Entkultivierung des öffentlichen und medialen Raumes.
Kulturkampf mittels ökonomischer Austrocknung
Was man gemeinhin unter „Kulturkampf“ versteht, scheint zunächst ein Angriff auf die Freiheiten von Kunst und Kultur zu sein. Unter dem entsprechenden Minister Wolfram Weimer wurde in Deutschland die Vorstellung von Kulturpolitik gründlich verändert. Aber neben dieser Attacke auf die Unabhängigkeit gibt es eine weitere, nachhaltigere, nämlich die ökonomische Austrocknung.
Und die trifft nicht nur Institutionen, Medien und Projekte. Sie trifft auch Menschen, die im kulturellen Sektor arbeiten und deren Produktivität beständig schlechter honoriert wird. Der Druck wird von oben nach unten weitergegeben, genau genommen (wie gehabt) von den Besitzern, Verwaltern und Maschinisten der Kulturfabriken auf die primären Produzenten, auf die Arbeiterschaft des Kulturbetriebes, auf das „Kulturproletariat“, das immer weiter in die Prekarisierung getrieben wird.
Ohne massive Ausbeutung und ebenso massive Selbstausbeutung wäre die Kulturindustrie längst zusammengebrochen
Ohne massive Ausbeutung und ebenso massive Selbstausbeutung wäre die Kulturindustrie längst zusammengebrochen. Denn von einer Harry-Potter-Autorin, dem nächsten Auktionsrekord bei Sotheby’s und einer Rundfunkintendantin allein kann Kultur so wenig leben, wie Elon Musk mit all seinen Billionen allein auf den Mars fliegen könnte.
Die dritte faule Ausrede ist ein Medienwechsel, weg aus der Gutenberggalaxis und dem analogen Bildermachen hin zu Plattformen und Streaming, weg von der Kritik und hin zu Followern und Likes. Wenn sich etwas ändert, gibt es eben immer Verluste und Gewinne. Und es gibt Verlierer und Gewinner. Die Gewinner sind merkwürdigerweise immer die, die dem Geld folgen, das es bekanntlich für die Kultur nicht mehr gibt.
Die kulturelle Vielfalt leidet
Die Mehrzahl der Kulturarbeiter und -arbeiterinnen schafft für Hungerlöhne, nimmt Mehrarbeit und Zusatzjobs in Kauf, lässt sich ständig vertrösten und soll froh sein, nicht durch ein KI-Programm ersetzt zu werden. Und überhaupt gibt es nun eben einen Wandel des kulturellen Konsumverhaltens, der seltsamerweise auch einen Wechsel der kulturellen Besitzverhältnisse mit sich bringt.
Von einer kulturellen Vielfalt kann angesichts der Konzentration der Distributions- und Definitionsmacht nur noch geträumt werden. Immer weniger Menschen entscheiden darüber, was an Kultur und Kritik verbreitet werden kann und was nicht. Und darüber, was kulturelle Arbeit wert ist.
Die fieseste unter den faulen Ausreden für den „Kulturabbau“ – übrigens bislang weder Wort noch Unwort des Jahres – ist das gegenseitige Ausspielen von Kultur- und Sozialaufgaben: Kultur macht nur Sinn in einer sozialen und gerechten Umgebung und eine solche wiederum braucht und fördert Kultur. Und das kulturelle und das sozial arbeitende Prekariat sollten sich in allen Belangen als solidarisch empfinden.
Kultur- und Sozialabbau gehen bei dieser Regierung Hand in Hand. Sie führt einen Wirtschaftskrieg gegen alles, was eine Gesellschaft zusammenhält. Und damit wiederum wird der ökonomische Kulturabbau zum Wegbereiter für den antidemokratischen Kulturkampf von rechts. Die einen profitieren von den anderen, und Verlierer sind die primären Produzenten.
Es braucht eine gemeinsame Organisationsform
Das reicht vom Beleuchtungsassistenten bis zur Autorin, vom Übersetzer bis zur Kuratorin, vom Kolumnisten bis zur Comiczeichnerin. Es handelt sich dabei um Menschen, die nichts anderes wollen, als für ihre Arbeit angemessen entlohnt und respektvoll behandelt zu werden, ganz so wie Menschen, die in anderen Branchen arbeiten.
Selbst wenn die Einkünfte in dieser direkten Kulturarbeit schwankend und unterschiedlich sind – im Gegensatz zum Besitz, im Gegensatz zur Bürokratie, im Gegensatz zur Vermarktung von Kultur – handelt es sich, wie in einer Fabrik, wie in einem Büro, wie in einem ökonomischen Netzwerk, bei dieser Schicht um das Proletariat der Kultur. Auch wir, das Kulturproletariat, brauchen ein gemeinsames Bewusstsein, brauchen Solidarität und schließlich eine Organisationsform, um uns zu wehren.







