Ende der UN-Mission im Libanon: Abzug ohne Perspektive

Bei untergehender Sonne im Hafen von Beirut bedankt sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Montag für den Einsatz der 160 deutschen Sol­da­t*in­nen auf der „Sachsen-Anhalt“. Die Besatzung fährt in ein paar Tagen nach Hause zu ihren Familien. Doch auch das Mandat der UN-Mission UNIFIL, unter dem sie im Libanon stationiert sind, endet: Ende dieses Jahres ist Schluss. Die USA hatten das Mandatsende im UN-Sicherheitsrat durchgeboxt.

Seit 1978 soll UNIFIL die Grenzregion zwischen Libanon und Israel stabilisieren. An der Mission sind rund 300 deutsche Sol­da­t*in­nen beteiligt, die vor allem die Seegrenze überwachen sollen.

Im Libanon ist die Sorge um den Abzug groß. Künftig soll die Verantwortung für die Sicherheit im Südlibanon ans libanesische Militär übertragen werden. Doch die Armee kann die Bür­ge­r*in­nen kaum verteidigen. Ihre Ausrüstung ist veraltet, im Kampf gegen Israels hochgerüstete Streitkräfte hätte sie keine Chance. Durch die Staatspleite sind die Gehälter so geschrumpft, dass viele Militärs kellnern, Autos reparieren oder Taxi fahren, um sich über Wasser zu halten.

„Es ist nicht nur so dahingesagt, dass die libanesische Armee das Rückgrat der Stabilität im Libanon ist“, sagte Steinmeier bei seinem Besuch. Das Militär ist dafür bekannt, dass alle großen Religionsgemeinschaften darin vertreten sind – und es die stark entlang Konfessionslinien orientierte Politik des Landes nicht widerspiegelt.

Steinmeier besuchte Marineschule

Seit 20 Jahren hilft deutsches Bundeswehrpersonal der libanesischen Marine in der Ausbildung. Durch deutsche Gelder wurde ein Radarnetzwerk finanziert, mit dem die Armee die gesamte Küste von Arida im Norden bis Naqoura im Süden überwacht. Steinmeier besuchte die Marineschule in Jounieh. Der libanesische Armeechef, General Rodolph Haykal, betonte dort, durch deutsche Unterstützung sei die Marine besser darin, „die libanesischen Land- und Seegrenzen zu schützen, illegale Immigration zu verhindern und Drogenschmuggel zu bekämpfen“.

An Bord der „Sachsen-Anhalt“ ist der deutsche Flottenadmiral Stephan Plath überzeugt, dass der Libanon in Zukunft seine Küste selbst schützen und Waffenschmuggel unterbinden kann. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass die libanesische Marine diese Aufgaben schultern wird in Zukunft, so wie sie es jetzt schon mehrfach bewiesen hat“, sagte der Kommandeur des maritimen UNIFIL-Einsatzes.

Tatsächlich war die Lage für die Fregatte bisher eher ruhig. Zwar ist das Schiff mit Kriegstechnik zur Selbstverteidigung ausgestattet – benutzt wurde die Schuss- und Abwehrtechnik an der Küste vor dem Libanon aber bislang nicht.

Das heißt nicht, dass es dort für Zi­vi­lis­t*in­nen keine Bedrohungen gäbe. Libanesische Fischer aus dem Südlibanon erzählen der taz, dass sie um ihre Leben fürchten. Israelische Soldaten würden regelmäßig von Booten aus auf sie schießen. In zwei Fällen hatten die Israelis zwei Fischer entführt. Diese beschweren sich, dass weder die libanesische Armee noch UNIFIL eingreife.

Nur zur Beobachtung

Das Eingreifen zur Verteidigung von Zi­vi­lis­t*in­nen sei ein Punkt, der „weit über das hinausgeht, was wir als Auftrag bekommen haben“, sagt Kommandeur Plath dazu. Die UN-Mission nimmt nur eine überwachende Funktion ein, dokumentiert die Vorfälle. Um Angriffe zu verhindern, bräuchte es ein anderes Mandat. Im jüngsten Krieg hatten israelische Soldaten sogar UNIFIL-Kontingente angegriffen, darunter das Hauptquartier in Naqoura.

Libanon ist zurzeit in Gesprächen, ob einzelne Länder weiter Truppen schicken können – Frankreich und Italien sollen Bereitschaft bekundet haben. Welche Rolle Deutschlands Militär nach dem UNIFIL-Abzug konkret spielen wird, ist bisher unklar. Steinmeier sagte, Deutschland überlege, wie die libanesische Armee nach UNIFIL-Abzug gestärkt werden könne. „Das Ende der UNIFIL-Mission ist nicht das Ende unserer Unterstützung für den Libanon“, versprach er.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Musikfestival Out.Fest in Portugal: Stottern, scheuern und dröhnen
    • October 8, 2026

    Ortsbesuch in der portugiesischen Industriestadt Barreiro, wo das experimentelle Musikfestival Out.Fest stattfindet. Inklusion trägt hier zum utopischen Sound bei. mehr…

    Weiterlesen
    Spazierengehen üben: Schlendern wie am Schnürchen
    • October 8, 2026

    Der Spaziergang sollte kein schnelles Weglaufen sein. Es gibt viel zu entdecken. Der Vorsatz des Monats: weiterlaufen, nur nicht zu flott. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Musikfestival Out.Fest in Portugal: Stottern, scheuern und dröhnen

    • 8 views
    Musikfestival Out.Fest in Portugal: Stottern, scheuern und dröhnen

    Spazierengehen üben: Schlendern wie am Schnürchen

    • 7 views
    Spazierengehen üben: Schlendern wie am Schnürchen

    Anklage gegen Polizisten: Frankfurter Polizist soll Mann in Gewahrsam gedemütigt haben

    • 8 views
    Anklage gegen Polizisten: Frankfurter Polizist soll Mann in Gewahrsam gedemütigt haben

    Kampf für Bildungsgerechtigkeit: Keine Gelder mehr für Bildung von Zugewanderten

    • 7 views
    Kampf für Bildungsgerechtigkeit: Keine Gelder mehr für Bildung von Zugewanderten

    Maulkorb für Forschungspolitiker: Galoppierende Geheimhaltung

    • 6 views
    Maulkorb für Forschungspolitiker: Galoppierende Geheimhaltung

    Datenschutzbeauftragter Hennemann: „Digitale Souveränität ist wichtig“

    • 7 views
    Datenschutzbeauftragter Hennemann: „Digitale Souveränität ist wichtig“