
Vor Kurzem veröffentlichte der europäische Thinktank Ember eine erstaunliche Zahl: Die Türkei hat im europäischen Vergleich die bei weitem größten Batteriespeicherkapazitäten. Während es in Deutschland nur 12 bis 13 Gigawatt sind, bringt es die Türkei auf mehr als 33 Gigawatt Batteriespeicherkapazität.
Batteriespeicher spielen eine Schlüsselrolle bei der Stromversorgung durch erneuerbare Energien. Sie speichern Strom von Wind und Sonnenenergie, der dann ins Netz eingespeist werden kann, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will solche Phasen in Deutschland vor allem mit – teils neuen – Gaskraftwerken überbrücken. Fachleute fordern allerdings auch viel mehr Investitionen in Speicher und den Ausbau der Stromnetze, um Ökostrom dorthin zu transportieren, wo er gebraucht wird.
Ausgerechnet die rechte und wirtschaftspolitisch neoliberale Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan tut erstaunlicherweise genau das. „Vor zwei Jahren hat die türkische Regierung Entscheidungen getroffen, die zu massiven Investitionen in Batteriespeicher geführt haben“, sagte Ufuk Alparslan, der türkische Repräsentant von Ember, gegenüber dem britischen Guardian. „Wenn diese Speicherkapazitäten tatsächlich alle angeschafft werden, kann die türkische Batteriepipeline das Rückgrat eines neuen sauberen regionalen Energiezentrums werden.“
Eine dieser politischen Entscheidungen war, dass Solarstromanlagen, die gleichzeitig Batteriespeicher zur Verfügung haben, ihren Strom vorrangig ins Netz einspeisen dürfen. Das hat nicht nur den Bau von Batteriespeichern vorangebracht, sondern die Solarenergie in der Türkei insgesamt.
Fortschritte bei der Solarenergie
Jahrelang war Solarenergie in der Türkei sträflich vernachlässigt worden. Bis 2010 schätzte die Internationale Energieagentur in ihren Berichten, dass die Türkei überhaupt nur drei Prozent ihres enormen Potenzials von Solarenergie nutzen würde. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Laut Ember hat sich der prozentuale Anteil der Solarenergie am Strommix allein von 2023 bis 2025 von 6,7 auf 13,4 Prozent verdoppelt. Zum Vergleich: In Deutschland waren es im vergangenen Jahr laut Thinktank Agora Energiewende 18 Prozent.
Der Ausbau von Batteriespeicherkapazitäten und Solarenergie in der Türkei dürfte zügig weitergehen, schließlich will die türkische Regierung sich bei der Weltklimakonferenz COP 31, die in diesem November im türkischen Antalya stattfinden wird, mit dem Ausbau ihrer erneuerbaren Energien schmücken.
Bis 2035, so der Plan, soll die Leistung von Solar- und Windstrom von jetzt 40 Gigawatt auf 120 Gigawatt verdreifacht werden. Die dramatisch fallenden Preise für Solarpaneele, Batteriespeicher und das übrige Equipment für erneuerbare Energien durch die Überproduktion in China könnten für die Türkei der Game-Changer bei der sauberen Energie werden.
Es würde die Türkei darüber hinaus auch unabhängig von den teuren Importen fossiler Energie machen, doch so weit ist es noch längst nicht. Erstens stammt immer noch mehr als die Hälfte des Stroms aus fossiler Energie. Und zweitens ist die bislang wichtigste Säule der erneuerbaren Energie in der Türkei die Wasserkraft, im Jahr 2022 macht sie ein Fünftel des Strommixes aus. Es gibt eine Vielzahl von Staudämmen, darunter allein 18 an den Oberläufen von Euphrat und Tigris.
Laut Ember-Report haben die Dürren der vergangenen Jahre allerdings dazu geführt, dass der Strom aus Wasserkraft wegen drastisch gesunkener Füllstände in den Staudämmen um gut 6 Prozent zurückgegangen ist. Obwohl es in diesem Winter endlich wieder überdurchschnittlich viel geregnet hat, wird der Klimawandel wohl mittelfristig dazu führen, dass die Wasserkraftwerke eher weniger leisten können. Allein das muss durch Solarenergie oder Windräder erst einmal kompensiert werden.
Trotz allem kein Abschied von den Fossilen
Die türkische Regierung setzt aber nicht nur auf erneuerbare Energie, sondern auch auf den Ausbau der klimaschädlichen Kohleverstromung. Dafür wird hauptsächlich die besonders schmutzige Braunkohle verbrannt. Außerdem zerstört der Braunkohletagebau massiv ökologisch wertvolle Landschaften im Südwesten der Türkei. Gegen heftigen Widerstand der Bevölkerung werden großflächig Wälder und Olivenhaine abgeholzt sowie ganze Dörfer geräumt. So können sich die Riesenbagger weiter durch uralte Kulturlandschaften fressen. Da die Türkei neben Öl und Gas auch immer noch Kohle importieren muss, will man den Anteil der Importkohle so senken.
Der Guardian berichtet, ein erster Entwurf für einen Beschluss der COP 31 würde den heftig diskutierten weltweiten Ausstieg aus den fossilen Energien gar nicht thematisieren. Die Türkei ist zwar kein Ölstaat, will aber von den Fossilen immer noch nicht lassen. Ergänzend dazu setzt Erdoğan auf Atomstrom. In wenigen Jahren soll ein von Russland gebauter Atommeiler am Mittelmeer den ersten Strom liefern, zwei weitere AKWs am Schwarzen Meer sind in Planung.
Erdoğan setzt also nicht vorrangig auf Solarenergie, sondern will einen Mix aus Erneuerbaren, Kohlestrom und Atomstrom. Türkische Umweltschützer, die einen Protestgipfel als Gegenentwurf zur COP 31 organisieren wollen, haben deshalb wenig Hoffnung, dass die Verhandlungen in der Türkei etwas zum weltweiten Ausstieg aus den fossilen Energien beitragen werden.






