Fahrradfeindlicher Nahverkehr: Mein Fahrradproblem und was die Öffis damit zu tun haben

J edes Jahr gibt es einen Moment, in dem ich entscheide, dass jetzt Sommer ist. Meistens wird er ausgelöst durch den ersten Sprung ins kalte Wasser oder das erste Mal Tanzen unter freiem Himmel. Von diesem Moment an habe ich das dringende Verlangen, die Großstadt, in der ich lebe, so schnell es geht zu entkommen, raus in die Natur.

Eigentlich ist das ja gar nicht so schwer. Ich habe zwar kein Auto, aber ein zuverlässiges Fahrrad, also suche ich ein Ziel aus, das mit der Regionalbahn halbwegs erreichbar scheint, und nehme mein Rad mit für die letzten zu überwindenden Kilometer.

So viel zur Theorie und dem, was meine App mir vor der Abfahrt vorgaukelt. In der Praxis, die aus drei Ausflugversuchen im Mai besteht, klappt nur die erste Bahn­etappe problemlos. Doch dann muss ich umsteigen und werde mit der Realität konfrontiert: Die Strecke ins ersehnte Nirgendwo ist seit Wochen gesperrt, nur Ersatzbusse fahren.

Die brauchen rund doppelt so lang und Fahrräder sind im Normalfall nicht erlaubt, besonders nicht an Wochenenden, wenn alle Großstädter gleichzeitig entscheiden, Ruhe und Waldluft zu benötigen. Bei allen drei Versuchen im Mai ist mir das passiert.

Jedes Mal erhalte ich vom Bahnpersonal den gut gemeinten Tipp: „Einfach mal nett und freundlich den Busfahrer fragen, ob das Fahrrad mit darf!“ Versprechen können sie mir natürlich nichts. Und warum das in der App nicht erwähnt wird? Können sie sich auch nicht erklären.

Ich nicke und lächele gequält, während mein Herz immer stärker pocht und mein Kopf sich mit Blut und mehr oder weniger wahrscheinlichen, aber durchweg düsteren Szenarien der nächsten Stunden füllt.

Strukturelles Komplettversagen

Beim Ausstieg platzt es dann aus mir heraus: nett und freundlich?! Ich stehe in einem mir unbekannten Ort und habe keinen Plan, ob, wie und wann ich von hier weiter zum Ziel komme.

Würde ich die gesamte Reststrecke auf dem Fahrrad bestreiten, wäre ich, das ergibt eine kurze und schmerzhafte Internetrecherche, erst in vier Stunden am Ziel. Aber klar, ich frage einfach nett und freundlich den Busfahrer, ob er die Güte hätte, mich mitzunehmen. Als wäre eine freundliche Bitte die Antwort auf strukturelles Komplettversagen!

Ich will nicht nett und freundlich sein, ich will einfach nur mal ohne Zwischenfälle irgendwo ankommen. Dass Fernzüge nicht oder nur mit erheblicher Verspätung ihr Ziel erreichen, damit habe ich mich längst abgefunden. Mehr als jeder dritte Fernzug in Deutschland soll im vergangenen Jahr unpünktlich gewesen sein.

Das bedeutet, dass die Deutsche Bahn so unzuverlässig unterwegs ist wie seit mindestens 21 Jahren nicht. Und als wäre das nicht schon bitter genug, muss ich mir jetzt auch noch um Ausflüge mit der Regionalbahn Gedanken machen?

wochentaz

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

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Sollten die Bauarbeiten auf den betroffenen Streckenabschnitten dafür sorgen, dass die neuen Schienen im Anschluss ohne Probleme funktionieren – fair enough. Aber einerseits ist das ziemlich unwahrscheinlich. Und andererseits, wenn ich nett und freundlich bitten darf: Aktualisiert eure App und informiert dort über Ausfälle und Abweichungen. Das kann nicht so schwer sein!

Nett und freundlich bin ich am Ende natürlich doch, die Busfahrer können schließlich nichts dafür. Zwei von drei haben Mitleid und nehmen mich samt Fahrrad mit. Einer hat etwas zu gute Laune für meinen Geschmack und scherzt, ich solle ihm für seine Kulanz einfach einen Fünfer zustecken. Mein Blick hat ihm, glaube ich, Angst gemacht. Er ist direkt wieder in die Fahrerkabine verschwunden.

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