Festival der Multipolarkultur in Köln: Bühnen für die Ungesehenen

Da stehen sie auf der Bühne: Der eine hat eine Prothese, der andere ist blind. Artem erzählt, wie sie in Bachmut von Wagner-Truppen umzingelt wurden. Serhiy, wie sein Pick-up unter Drohnenbeschuss explodierte. Pavlo, wie ein Splitter sein Augenlicht zerstörte, und Ivan, wie er mit einer Schubkarre aus dem Schützengraben evakuiert wurde.

Eine lange Reise war es von der Front ins Lazarett und von dort in die Krankenhäuser von NRW. Seltsam fühlt es sich an, vom Helden der Weltbühne zum Patienten ohne Sprache zu werden. Doch bei dem Abend „Un/zerbrechlich – eine Widerstandsrevue“ (Regie: André Erlen) erzählen die ukrainischen Veteranen, von denen rund 6.500 in Deutschland in Behandlung sind, nicht nur ihre Leidensgeschichte.

Sie berichten vor allem davon, was ihnen hilft, klarzukommen. Wie schaffen sie es, die vor dem Krieg Musiker, Bauern, Caterer, Studenten waren, mit dem Lebensbruch umzugehen? Und so wird hier vor allem gesungen, zarte ukrainische Volkslieder mit einem Chor, es werden Witze erzählt, Videos vom Alltag an der Front eingespielt, mit zwei Schauspielern absurde Rekrutierungsszenen und Arztvisiten nachgespielt.

Am Ende feiern Chor, Veteranen, Schauspieler auf der Bühne zusammen eine Party, die Kraft der Gemeinschaft. Genau jene, die ukrainischen Veteranen hierzulande fehlt, wie psychologische Betreuung oder Kontakt in die Bevölkerung, berichten sie. Aus ihrer kaum erträglichen Zwischenwelt heraus helfen ihnen vor allem Musik und Humor – und ein Freiwilligenverein, der zur Premiere sogar ein riesiges ukrainisches Buffet gespendet hat.

Ermöglicht hat diese Produktion aber das Sommerblut-Festival in Köln, das größte inklusive und diverse Kulturfestival in Deutschland, das nicht nur regelmäßig den State of the Art der Mixabled-Kunst zeigt – etwa mit „Work Body“ von Michael Turinsky, einem der bedeutendsten Choreografen mit Behinderung.

Vor allem aber macht es seit 25 Jahren mithilfe von Kunst Menschen sichtbar, die sonst eher am Rand stehen. So auch in „Schweigen – ein Chorstück“, für das Regisseurin Eli Pleß mit inhaftierten Frauen aus den JVAs von Köln und Willich gearbeitet hat.

Menschen mit und ohne Diagnose und Maske haben in Köln schon im Mai das Sommerblut in Wallung gebracht

Foto: Nathan Dreesen/Sommerblut

Auf die Gefängnisbühne in der JVA Ossendorf kommt man nur mit Personalausweis und Voranmeldung, Handys werden abgegeben. Es ist schwer beeindruckend, wie die Frauen hier von Gewalterfahrung singen und rappen, von Situationen erzählen, aus denen sie sich kaum anders befreien konnten – und im Gefängnis zu neuer Solidarität finden konnten.

Unter „divers und inklusiv“ werden beim Sommerblut-Festival viele gezählt, nicht nur Menschen mit Behinderung, die hier natürlich moderieren, dolmetschen oder inszenieren. Auf der Bühne stehen auch Menschen mit Abhängigkeitserkrankung, mit Fluchterfahrung oder ohne Obdach. Auch Jugendliche treten auf und viele weitere „Experten ihrer Lebenswelt“, wie sie Festivalleiter Rolf Emmerich nennt. Immer wieder wird mit neuen Formaten von Inklusion experimentiert.

Der Blick eines Toten

Etwa in „EchoTrace“: Hier hat die Künstlerin Anna Hepp alte Menschen im Seniorenheim sogar als Avatare inszeniert, denen man mit VR-Brille hinterherspürt – besonders beeindruckend ist das, weil einer der Männer, den man unter der Brille in seinem Wohnzimmer besucht, schon gestorben ist.

Ausgerechnet zu seinem Jubiläum ist das Festival jedoch in Gefahr geraten. Nicht nur wurde die traditionelle Förderung durch die Stiftung Aktion Mensch hart gekürzt. Kurz vor Festivalbeginn erhielt Emmerich einen Anruf vom NRW-Kulturministerium. Zur Förderung eines der zentralen Theaterprojekte, „Generation Widerstand“ mit rund 20 Jugendlichen, gebe es „rechtliche Bedenken“.

Der Antrag widerspreche „dem Gebot der parteipolitischen Neutralität“, er könne nicht genehmigt werden. Das Festivalteam fiel aus allen Wolken. Das Geld war fest eingeplant. Schnell wurde klar: Es war vor allem die Nennung des Parteinamens der AfD, die in Düsseldorf Probleme machte.

Düsseldorf dient Kulturkämpfern

„Das Projekt reagiert auf die wachsende Präsenz der AfD im öffentlichen Diskurs“, hatten sie in den Antrag geschrieben, oder: „Mit kleinen Anfragen blockiert die AfD auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene schon jetzt die Handlungsfähigkeit staatlicher Institutionen.“

Faktisch war das richtig, und auch erfahrungsbasiert. Denn bei der Festivalausgabe davor hatte die AfD mehrere Kleine Anfragen zur Finanzierung von Festivalprojekten im NRW-Ministerium lanciert.

Dieses Gebaren gehört klar zum Muster des bundesweiten rechtsextremen Kulturkampfs. Der bindet viel Arbeitskraft und Mittel. „Angst vor Rechten und vorauseilender Gehorsam scheinen nun ganz konkret demokratische Institutionen zu lähmen“, befürchtet Emmerich – und er weiß nach Ende der Jubiläumsausgabe nicht mehr, ob es im nächsten Jahr weitergehen kann.

  • informationsspiegel

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