Luisa ist ein fröhlicher Mensch. Sie lacht, wenn sie in den Bus steigt, wenn sie beim Essen ist, wenn sie den neuen Pfleger anpumpt. Sie kauft sich einen Luftballon mit Helium, saugt das Gas raus und lacht sich tot über die Mickey-Mouse-Stimme, die sie danach hat.
Sie hat Spaß an ihrem Job, der darin besteht, Wäsche in einer Wäscherei zusammenzulegen. Sie fühlt sich wohl in der Einrichtung, in der sie lebt. Denn Luisa ist zwar eine 22-jährige Erwachsene, aber allein leben könnte sie nicht. Sie hat eine geistige Behinderung. Welche, erfahren wir nicht. Es spielt auch keine Rolle.
Luisa hat einen Freund, der Anton heißt und sie besucht. Auch er hat eine geistige Behinderung und die beiden gehen sehr vorsichtig miteinander um. Sie liegen im Bett nebeneinander, Lisa imitiert Tierlaute, Anton muss raten, welches Tier gemeint ist. Er streichelt sie und sagt: „Du bist so weich.“ Lisa lacht, über das ganze Gesicht, und sagt: „Ich muss jeden Tag an dich denken.“
Bis hierhin ist die Welt in Ordnung in diesem Film namens „Luisa“, der in ruhigen, dokumentarisch anmutenden Bildern erzählt von dieser Einrichtung, ihren Bewohner*innen und ihrem Leben. Es ist der Debütfilm der Hamburger Regisseurin Julia Roesler, die sich einen Namen gemacht hat mit dem Theaterkollektiv werkgruppe2.
Sexualität als Teambesprechung
Mit der werkgruppe2 hat Roesler fast 20 dokumentarische, selbst recherchierte Theaterstücke gemacht, etwa zu Polizeigewalt und Paragraph 218. Aus dem Theaterkollektiv hervorgegangen ist 2022 eine gleichnamige Filmproduktionsfirma mit Sitz in Rosdorf bei Göttingen. „Luisa“ ist deren erster Kinospielfilm. Wie bei den Theaterstücken sind die Dramaturgin Silke Merzhäuser und die Musikerin Insa Rudolph Teil des Teams.
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Auch für „Luisa“ hat die werkgruppe2 viel recherchiert, die Besonderheit des Films liegt aber darin, dass die Besetzung inklusiv ist und Schauspieler*innen mit Behinderung tragende Rollen spielen. Gefunden hat Julia Roesler diese bei der inklusiven Hamburger Theatergruppe „Meine Damen und Herren“.
Die Hauptrolle der Luisa spielt Celina Scharff, Anton wird gespielt von Dennis Seidel. Die Rolle des Heimleiters hat Peter Lohmeyer übernommen, die engagierte Pflegerin Lea gibt Trixi Strobel.
Die Probleme beginnen für Luisa, als der Busfahrer Horst, ein Mensch ohne Behinderung, anfängt, sich ihr zu nähern
Die Probleme beginnen für Luisa, als Busfahrer Horst, ein Mensch ohne Behinderung, anfängt, sich ihr zu nähern. Aus Freundlichkeit und Vorzugsbehandlung werden intime Berührungen und Sonderfahrten zu zweit. Luisa scheint seine Gefühle zu erwidern.
Das Pflege-Team der Einrichtung diskutiert, ob man eingreift, ist sich uneinig. „Das geht zu weit“, sagt eine der Pflegerinnen, eine andere: „Luisa hat ein Recht darauf, Fehler zu machen und eigene Erfahrungen zu sammeln.“ Pfleger Daniel sieht das auch so. Es passiert nichts.
So kann Horst Luisa sexuell missbrauchen. Bei einer ihrer Ausfahrten beginnt er sie zu streicheln und onaniert dabei. Luisa schaut weg und wirkt unbeeindruckt. Allerdings gibt es einen zweiten Missbrauch, diesmal durch den Pfleger Daniel, der sie während einer Nachtwache beim Zubettbringen penetriert.
Danach ist es vorbei mit der Lebensfreude. Luisa verstummt, sinkt in sich zusammen, zieht sich zurück. Sie lacht nicht mehr. Was die Kamera deutlich zeigt, doppelt die Musik: Zu Luisa gehört jetzt ein düsteres Knarzen, das ihren Seelenzustand transportiert.
Foto: Real Fiction Filmverleih
Es ist ein schweres Thema, an das sich der Film heranwagt: Der sexuelle Missbrauch einer Frau, die sich schwertut, sich zu artikulieren. Das alles im Umfeld einer Pflegeeinrichtung, in der sich Pfleger*innen und Gepflegte zwangsläufig körperlich sehr nahe kommen. Die Grenze zwischen Zugewandtheit und Übergriff lässt sich leicht überschreiten. Zudem bestehen starke Abhängigkeiten und Machtgefälle. Von der Möglichkeit, seine Tat zu vertuschen, macht Pfleger Daniel Gebrauch. Allerdings stellt sich heraus, dass Luisa schwanger ist. Die Frage ist nun: von wem?
Missbrauch bleibt oft unentdeckt
Der Film findet damit zu einer Geschichte, die über das hinausgeht, was in der Realität die Regel ist. Im echten Leben bleibt der Missbrauch oft unentdeckt, selten fliegen die Täter*innen – es sind mehrheitlich Männer – auf. Studien zum Thema verweisen auf eine enorme Dunkelziffer. Nach einer 2024 veröffentlichten Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums berichten 22 Prozent der stationär betreuten erwachsenen Frauen mit Behinderung davon, Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. 41 Prozent berichten von sexueller Belästigung.
Höchst selten landet einer dieser Fälle vor Gericht und noch seltener kommt es zu einer Verurteilung. Schon die Anzeige bei der Polizei ist mit einem Aufwand verbunden, den Betroffene oft nicht leisten können. Von der Schwierigkeit, etwas zu beweisen, ganz zu schweigen.
Im Fall von Luisa sieht alles danach aus, als käme der Täter davon. Obwohl sich die Kommissarin und auch das Personal der Einrichtung bemühen, die Sache aufzuklären. Ihre Hilflosigkeit und ihre Ängste vor Schließung und Jobverlust fängt der Film mit Empathie ein – ebenso wie Luisas Gefühle. Sie lässt ihnen freien Lauf, um das Erlebte zu verarbeiten. Unerwartet führt das auch zur Aufklärung der Täterschaft.
Der Film lässt sich viel Zeit, blickt auch auf die anderen Bewohner*innen und erzählt von deren Sexleben. Das geschieht en passant oft in Form von Andeutungen und ist zugleich ein wichtiger Beitrag, mit einem Tabu zu brechen: Natürlich haben Heim-Bewohner*innen eine Sexualität und ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. In der Praxis wird darüber ungern geredet. Das erleichtert es Täter*innen, Missbrauch unter den Teppich zu kehren.
Am Ende nur ein bisschen Trost
Durch die sorgfältige Recherche und die Intensität der Schauspieler*innen ist „Luisa“ ein besonderer Film. Im Feld inklusiver Filmproduktion ist er weit vorn: Er bringt die Perspektive der Schauspieler*innen mit Behinderung umfassend ein.
Auf kleineren Festivals hat er etliche Preise gewonnen. Die Anzahl der Kinos, die „Luisa“ ab 23. April zeigen, ist aber überschaubar. Hilfreich für die Verbreitung wird sein, dass „Das kleine Fernsehspiel“ des ZDF als Koproduzent dabei ist.
Was der Film nicht bietet, ist eine Idee, wie es besser laufen könnte. Er endet trostlos mit der Kündigung des Pflegers Daniel und dem Hinweis des Heimleiters, dass dieser vor ein paar Jahren schon mal einer Bewohnerin „an die Brust gefasst“ hatte und die darauf folgende Supervision wohl nichts gebracht habe. Nur Luisa, das immerhin, kämmt sich zum Schluss vorm Spiegel die Haare, allein. Zu Beginn des Films hatte das noch ein Pfleger gemacht.






