Film zu Mölln-Anschlag auf der Berlinale: Verantwortung der Gegenwart

Drei Jahrzehnte nach den rassistischen Brandanschlägen von Mölln bringt der Dokumentarfilm „Die Möllner Briefe“ von Martina Priessner eine lange verdrängte Wahrheit ans Licht: die Stimmen der Überlebenden und die jahrzehntelang unbeachtete Solidarität mit ihnen. Weit mehr als eine bloße Aufarbeitung eines Verbrechens, ist er eine schmerzhafte Erinnerung daran, wie Deutschland mit rechter Gewalt umgeht – und wie vielschichtig das Schweigen darüber sein kann.

Am 23. November 1992 legen Neonazis Feuer in zwei Wohnhäusern in Mölln. Drei Menschen sterben: die zehnjährige Yeliz Arslan, ihre 14-jährige Cousine Ayşe Yılmaz und ihre Großmutter Bahide Arslan, die kurz zuvor ihren siebenjährigen Enkel İbrahim rettet. Während die Täter verurteilt werden, bleiben die Betroffenen in der öffentlichen Erinnerung oft unsichtbar. Priessners Berli­na­le­bei­trag setzt genau hier an: Erst 27 Jahre nach dem Anschlag entdeckt İbrahim Arslan zufällig Hunderte Solidaritätsbekundungen, die an die Stadt Mölln geschickt, aber nie an die Familie weitergegeben wurden. Worte der Unterstützung wie „Wir denken an euch“ oder „Ihr seid nicht allein“ bleiben jahrzehntelang ungelesen.

Für Priessner war es essenziell, weg vom Täternarrativ zu gehen und stattdessen die Frage zu stellen: Wie schützen wir als Gesellschaft die Betroffenen? Ihr Film rückt nicht die Täter oder ihre Ideologie in den Fokus, sondern gibt den Überlebenden Raum und lässt ihre Perspektive im Zentrum der Erinnerungskultur stehen. Für Ibrahim Arslan ist klar, dass noch viele weitere archivierte Briefe in ganz Deutschland existieren müssen, die die Betroffenen nie erreicht haben. Deshalb ruft er dazu auf, sich aktiv auf die Suche nach diesen Botschaften zu machen – denn neben den schrecklichen Ereignissen gibt es nichts Wertvolleres als Solidarität und die Hilfe der Menschen.

Der Film auf der Berlinale

„Die Möllner Briefe“ läuft in der Kategorie Panorama-Dokumente.

Wieder am:

15. 2., 18 Uhr, Cubix 716. 2., 13.30 Uhr, Cubix 522. 2., 12.30 Uhr, Urania

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Priessner begleitet Arslan bei der Konfrontation mit dieser späten, doch tiefgehenden Form der Anerkennung und geht diesem Unrecht mit beeindruckender filmischer Sensibilität nach. Die vi­suel­le Gestaltung ist geprägt von ruhiger, intensiver Kameraarbeit, verantwortet von Ayşe Alacakaptan, Julia Geiß, Ute Freund und Anne Misselwitz.

Sie setzen stark auf Nahaufnahmen der Protagonist:innen, wodurch deren Emotionen spürbar werden. Archivaufnahmen und Aufnahmen aus Mölln verweben Vergangenheit und Gegenwart. Ergänzt wird die Bildsprache durch eindringliche Musik von Derya Yıldırım, die mit melancholischen anatolischen Klängen und modernen Arrangements eine zusätzliche emotionale Tiefe schafft.

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Opfer sind keine Statisten der eigenen Geschichte, sondern aktive Zeu­g:in­nen

Ihre Kompositionen verstärken die Nachdenklichkeit des Films, unterstreichen die Verbindung zwischen individueller Erinnerung und kollektiver Geschichte. Der Film übt scharfe Kritik an der deutschen Erinnerungskultur, die bis heute mit rassistischer Gewalt hadert. Während rechte Netzwerke stärker werden, fehlt meist die Perspektive der Betroffnen.

İbrahim Arslan betont immer wieder, dass Opfer keine Statisten der eigenen Geschichte sind, sondern aktive Zeug:innen. Der Film macht deutlich, dass sich ein Muster aus Verdrängung und Verharmlosung wiederholt – und stellt die drängende Frage: Haben wir aus Mölln, Hanau und Halle gelernt? Priessner hält der Gesellschaft einen Spiegel vor und zeigt: Erinnern ist keine Pflicht der Vergangenheit, sondern eine Verantwortung der Gegenwart.

„Die Möllner Briefe“ ist ein Film, der wehtut. Ein Film, der wütend macht. Und ein Film, der gleichzeitig Hoffnung gibt – weil er zeigt, dass es Menschen gibt, die sich gegen das Vergessen wehren.

  • informationsspiegel

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