taz: Herr Kraus, wie sind Sie auf die Idee für Ihre Fotoserie „In Uniform“ gekommen?
Jan Kraus: Ich wollte mich mit Staatlichkeit beschäftigen. Die visuell abzubilden ist nicht so einfach. Gebäude waren mir zu abstrakt, also näherte ich mich den Menschen, die sie repräsentieren, in ihren Uniformen. Sie machen den Staat sofort sichtbar: Autorität, Ordnung, Gewaltmonopol. Gleichzeitig wollte ich genau dieses Bild brechen. Deshalb habe ich die Leute in ihrem privaten Zuhause fotografiert.
taz: Wie haben Sie die Menschen gefunden?
Kraus: Am Anfang über persönliche Kontakte, später über Empfehlungen und soziale Netzwerke. Ein paar standen auch schon mal in der Öffentlichkeit, die Bundeswehroffizierin und trans Frau Anastasia Biefang oder die Afghanistan-Veteranin Annika Schröder zum Beispiel. Am Anfang habe ich viele Absagen bekommen, teilweise ist es auch an den Behörden gescheitert. Bei einem Berliner Polizisten zum Beispiel hatten zwei Instanzen die Bilder bereits freigegeben, aber dann hat am Ende die Pressestelle ihr Einverständnis verweigert. Das zeigt auch das Maß an Fremdbestimmung durch den Staat, mit dem Staatsbedienstete leben müssen.
taz: Sie haben vor dem Fotografieren immer erst ein langes Gespräch geführt. Was haben die Menschen Ihnen erzählt?
Kraus: Ich wollte verstehen: Wer sind die Menschen im Staatsdienst? Warum entscheiden sie sich dafür? Allen ging es in erster Linie darum, dass sie unser Grundgesetz und unsere Freiheit verteidigen wollen. Als weiterer Grund wurde Zugehörigkeit genannt. Für einige sind die Kolleg:innen wie eine Ersatzfamilie. Und die behördlichen Strukturen geben manchen Halt. Andere wiederum empfinden die starken Hierarchien und bürokratischen Strukturen als belastend.
taz: Gab es etwas, das Sie besonders überrascht hat?
Kraus: Dass viele gesellschaftliche Themen – wie Zugehörigkeit, Identität oder Rassismus – auch innerhalb von Polizei oder Bundeswehr verhandelt werden. Ein Mitglied der Bundeswehr mit türkischem Hintergrund etwa hat mir erzählt, wie sehr ihn die Aussage von Bundeskanzler Merz zum Stadtbild getroffen hat. Insgesamt hat mich überrascht, wie viele diverse, progressive und reflektierte Personen ich getroffen habe. Das entspricht nicht unbedingt dem Bild, das viele im Kopf haben.
taz: Die Serie wurde bereits ausgestellt, in einem Magazin und auch in sozialen Medien veröffentlicht. Wie waren die Reaktionen?
Kraus: Viele reagierten emotional oder irritiert. Ein Beispiel: Auf LinkedIn habe ich das Foto eines Paares in Bundeswehruniformen gepostet, sie trugen beide keine Schuhe. Die Soldatin wurde in den Kommentaren stark dafür kritisiert. Ihr wurde sogar die Kompetenz abgesprochen. Das zeigt neben der Frauenfeindlichkeit, wie stark die Erwartungen an Uniform und Auftreten sind – und wie provozierend es sein kann, sie zu durchbrechen. Leute aus der linken Bubble wiederum werfen mir teilweise vor, ich würde mit meiner Arbeit Werbung für Polizei und Bundeswehr machen. Es gab aber auch ganz neutrale Beobachtungen. Zum Beispiel, dass Jurist:innen oft in Altbauwohnungen wohnten oder viele Polizist:innen Tische mit Beinen aus Metall besaßen.
taz: Wie hat sich Ihr eigener Blick auf den Staatsdienst durch diese Arbeit verändert?
Kraus: Ich habe ein differenzierteres Verständnis als zuvor. Ich bin in der Nähe einer Polizeischule in Bayern aufgewachsen und wurde als Jugendlicher oft von Polizisten kontrolliert. Das hat viel Misstrauen gesät. Themen wie Gewalt oder Rechtsextremismus zahlten zusätzlich ein. Aber nach all den Begegnungen kann ich besser nachvollziehen, wer die Menschen hinter den Uniformen sind und warum sie diesen Weg wählen – auch wenn ich ihre Berufe nicht ausüben möchte. Staatlichkeit ist etwas Abstraktes, das aber durch Menschen in Uniform doch konkret wird. Ich glaube, darin liegt auch die Spannung der Serie.
Jan Kraus, Jahrgang 1985, wurde an der Berliner Ostkreuzschule für Fotografie ausgebildet. Er lebt und arbeitet in Berlin. 2023 begann er, für die Serie „In Uniform“ zu fotografieren. Er hat insgesamt 31 Personen im Staatsdienst porträtiert. Die Arbeit erscheint als Buch am 27. Mai 2026 im Verlag Kettler. Vom 20. bis 29. Juni wird sie im Studio Trouble in Berlin ausgestellt.






