Geoguessr-Weltmeisterschaft in Berlin: Ein frecher Guess

Ein Mädchen, etwa 15, blond, mit Zahnspange, jubelt in die Kamera. Tränen laufen über ihre Wangen, sie taumelt ekstatisch hin und her. Um sie eine tosende Menschenmenge. Spielt eine Boyband im Tempodrom? Nein, es ist „Geoguessr“-Weltmeisterschaft in Berlin – und ihr Favorit hat gerade den Titel geholt.

Geoguessr ist ein E-Sport, bei dem die Teilnehmer_innen anhand eines zufällig ausgesuchten Google-Street-View-Bildes bestimmen müssen, wo auf der Welt sie sich befinden. Über die Jahre hat es sich von einem Onlinespiel in einen internationalen Wettkampf mit professionellen Geoguessern entwickelt. Seit 2023 wird jährlich eine WM ausgetragen. Anfang September treten die besten 24 Spieler_innen in Berlin gegeneinander an.

Radu C ist amtierender Weltmeister. 2025 konnte sich der US-Amerikaner nach einem engen Finale gegen den Ungarn Debre durchsetzen. Dieses Jahr ist Radu C schon im Achtelfinale ausgeschieden und sieht sich die restlichen Spiele von der Tribüne aus an. Über seine Niederlage ist er enttäuscht. „Ich hätte gerne noch einen Tag gespielt. Ich liebe es, auf der Bühne zu sein“, sagt er der taz.

Eine Runde aus seinem letzten Spiel, bei der sein Kontrahent und Weltmeister von 2023, Consus aus den Niederlanden, näher lag, ärgere ihn besonders. Es ging um einen Ort in Indien. Er habe ein Schild nicht gesehen, auf dem Informationen auf Hindi standen, die ihm dabei hätten helfen können, zumindest die richtige Gegend zu bestimmen. Und klar: „Alle Leute, die hier spielen, können Hindi lesen.“

Spezialwissen ohne Ende

Guessen, also bloßes Raten, trifft das, was hier geschieht, nämlich kaum. Die Spieler_innen sind extrem gut vorbereitet. Sie lernen von Kanji bis Kyrillisch sämtliche Schriften zu lesen, sie können Vegetation und Architektur geografisch einschätzen, sie wissen, wie sich deutsche von kolumbianischen Straßenschildern unterscheiden und welche Eigenheiten das Google-Auto aufweist: etwa eine lange Antenne in Russland oder einen Schnorchel vorne am Auto in Kenia. Ob Telefonvorwahlen in Brasilien oder Regierungsbezirke in Indonesien – all das lernen sie auswendig.

Kein Wunder also, dass die knapp 2.000 Fans hier durchdrehen, wenn Spieler_innen wie Blinky, Malfunction oder Bulgariaenjoyer einen sogenannten 5K erzielen: die genaue Straße finden, nur wenige Meter entfernt sind vom tatsächlichen Standort und die maximalen 5.000 Punkte bekommen.

Eine Gruppe Jungs hat ein 3D-gedrucktes Miniaturmodell eines ganz bestimmten Mülleimers mitgebracht, den es nur in Neufundland gibt. Sie sammeln darauf Autogramme. Andere haben dafür einen deutschen Straßenpoller dabei. Beide Objekte helfen bei der Standortbestimmung, wenn sie im Bild zu sehen sind.

Für 60 Sekunden an jeden Ort der Welt

Die Matches sehen so aus: Auf der Bühne stehen zwei Schreibtische mit Computern, deren Bild auf großen Screens für das Publikum übertragen wird. Ein Match findet immer als Duell statt und besteht aus bis zu fünf Spielen. Wer drei gewinnt, gewinnt auch das Match. In jedem Spiel starten die Teilnehmer_innen mit einer Healthbar von 5.000. Es gibt dann so viele Runden (also Standorte), bis eine der Healthbars bei 0 ist. Für einen Guess haben die Spieler_innen 60 Sekunden.

Spiel eins und drei sind immer im „Moving“-Modus. Die Spieler_innen können die Straßen entlangfahren, sich umsehen, zoomen. Der Franzose Blinky ist darin der Beste: Er schafft es, besonders schnell an nützliche Informationen wie Straßenschilder oder Autobahnnummern zu gelangen, und dominiert in dem Modus fast immer.

Spiel zwei und vier dagegen sind „No Move“: Man ist an einen Fleck gefesselt, kann sich lediglich umsehen (Pan) und an Dinge heranzoomen (Zoom). Sollte das Match dann noch nicht entschieden sein, kommt das berüchtigte Spiel fünf: NMPZ – No Move, Pan or Zoom. Hier bekommen die Spieler_innen nur ein einziges Bild und müssen davon ausgehend ihren Guess machen.

Beide Halbfinals fielen 3:0 aus. Im Finale tritt nun der Franzose Blinky, Weltmeister von 2024, gegen den Ungarn Debre an, der schon letztes Mal im Finale stand, aber gegen Radu C verlor. „Debre wird 3:2 gewinnen. Er hat es verdient“, sagt Radu C der taz vorm Finale.

Der Underdog liegt vorn

Ziemlich rasch liegt Blinky 2:0 vorne. „Es wäre cringe, zwei Finals hintereinander zu verlieren“, sagte Debre noch kurz davor und bezeichnete Blinky als besten Spieler aller Zeiten. Er weiß, er ist der Underdog. Runde 3, wieder Moving, beginnt und laute „Debre“-Sprechchöre gehen durch die Arena. Debre muss Blinky nun in seiner besten Disziplin besiegen.

Blinky findet die Standorte schnell, loggt seinen Pin ein, damit Debre nur noch 15 Sekunden bleiben, um zu guessen. Oft findet der in letzter Sekunde den richtigen Ort. In einer Rumänienrunde ist Blinky überraschend 200 km entfernt, während Debre in der richtigen Stadt liegt: Er holt sich Runde 3.

Auch das nächste Spiel, No Move, dominiert er plötzlich und gewinnt – das Match ist nun ausgeglichen. Das Publikum ist außer sich und Blinky wirkt verunsichert. Dann beginnt das, worauf alle gewartet haben: die Königsdisziplin, NMPZ.

Ein frecher Guess

Debre ist selbstbewusst, das Momentum liegt bei ihm. Das beweist er mit einem frechen Guess: Bei einem Standort, wo eine ländliche Straße zu sehen ist, setzt er seinen Pin in Belarus – ein Land, das kein Google Street View hat.

Das nennt man einen sogenannten „Hedge“: Er weiß, es ist Osteuropa, ist aber unsicher, ob Nord oder Süd, also guesst er in der Mitte. Das zahlt sich aus. Blinky wählt die Ukraine, doch der Standort liegt in Nordwestrussland, womit Debre näher liegt. Lasziv flickert er mit der Zunge Richtung seiner Fan-Ecke.

Die nächste Runde beginnt: eine unbefestigte Straße, weite, trockene Landschaft, Berge im Hintergrund, Gebüsch am Straßenrand, sonst nichts. Debre loggt nach wenigen Sekunden Nordnamibia ein. Nun bleiben Blinky 15 Sekunden, um zu guessen. Er setzt seinen Pin in Südafrika, loggt aber nicht ein. Plötzlich zoomt er weit raus, die Zeit läuft fast ab, da entscheidet er sich um und setzt seinen Pin in Argentinien.

Es ist nun klar: Die beiden sind so weit voneinander entfernt, dass diese Runde das Match entscheiden wird. Alle stehen auf und schauen erwartungsvoll auf den Bildschirm. Die Karte wird sichtbar, der richtige Standort wird angezeigt: Namibia. Rauchkanonen vor der Bühne schießen große Wolken raus, Konfetti fällt von der Decke und alle springen jubelnd von ihren Plätzen auf.

Blinky wirkt nach dem Spiel resigniert. Verständlich, nachdem er 2:0 vorne lag. „Ich bin extrem enttäuscht und frustriert“, sagt er der taz. Besonders die NMPZ-Runde sei ihm schwergefallen. „Ich war völlig neben der Spur“, sagt er über seinen Argentinien-Guess in letzter Sekunde.

Fans feiern Debres Sieg

Er steht vor der Bühne in einer Menge mit anderen Spieler_innen, sie geben Autogramme, nehmen Selfies auf. Debre lässt sich feiern. Da ist auch das blonde Mädchen aus der ersten Reihe, das weinend in Großaufnahme zu sehen war, als Debre mit seinem Namibia-Guess gewann. Die Ungarnflaggen auf ihren Wangen sind von den Tränen schon etwas verschmiert.

Ob sie extra aus Ungarn angereist, mit Debre befreundet oder verwandt ist? „Nein, ich bin Fan.“ Endlich habe Debre den verdienten Sieg geholt. Mit 12 sei sie bereits bei der ersten Weltmeisterschaft in Stockholm gewesen. „Ich fand ihn damals schon toll, weil … ach, ihr habt ihn ja selbst gesehen.“

  • informationsspiegel

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