
Es hätte die Sensation des Turniers werden können. Nur vier Punkte fehlen Italien am Sonntagabend, um das zu schaffen, was seit 20 Jahren keinem Team bei einem großen Turnier gelungen ist: die USA zu schlagen. Die Titelverteidigerinnen gewinnen aber dann auch ihr zweites Gruppenspiel und ihr 32. Weltmeisterschaftsspiel in Serie. Und doch hat das Spiel gezeigt: Die Vormachtstellung der USA im Frauenbasketball kann kippen.
In der sehr gut besuchten Arena am Ostbahnhof (9.200 Zuschauer) geht nach Abpfiff der Jubel der US-Fans fast schon unter in den Buh-Rufen und Pfiffen der Italien-Fans. Auf dem Feld kochen kurz die Emotionen einiger italienischer Spielerinnen hoch. Und trotzdem: Italien feiert das 52:55-Ergebnis fast wie einen Sieg.
Sie seien stolz auf ihre Mannschaft, äußern sich sowohl Starspielerin Cecilia Zandalasini als auch ihr Coach Andrea Capobianco nach dem Spiel. Schließlich hat es sein Team geschafft, sich nach einem schwachen, nervösen Start und einem Rückstand von 11 Punkten nach dem ersten Viertel zu sammeln, aufzuholen, und sogar zwischenzeitlich die Führung zu übernehmen. Am Ende fehlt dann aber die nötige Gelassenheit. Vielleicht hatten sich die Italienerinnen, deren größter Erfolg EM-Bronze vergangenes Jahr war, doch etwas einschüchtern lassen vom großen Namen USA.
Von einer „Performance unter ihren Standards“, spricht US-Coach Kara Lawson nach dem Spiel. Ja, das Ergebnis spiegelt das wider, die US-Amerikanerinnen haben unter anderem viele einfache Körbe liegen lassen. Aber es spiegelt auch die starke Verteidigung und die Unnachgiebigkeit der Italienerinnen wider. Und zeigt, dass ein Team, das „nur“ eine WNBA-Spielerin im Kader hat, und zwar die starke Zandalasini, mittlerweile trotzdem mit einem US-Team mithalten kann. Der Basketball der Frauen boomt nicht nur in den USA, Qualität und Stärke sind schon längst auch in Europa zu finden. Und somit führt Lawson zu Recht an, dass das Turnier das „herausforderndste aller Zeiten“ sei. Denn es gibt internationale Konkurrenz.
Doppelter Applaus für Caitlin Clark
Topfavorit bleibt natürlich die USA. Sie sind die „Queens of the Basketball World“, wie es so schön vonseiten des Weltverbands (Fiba) heißt; 11-fache Weltmeisterinnen, 10 Mal Olympia-Gold und vieles mehr. Auch der aktuelle Kader spielt komplett in der – sowohl was sportliche Leistung angeht, als auch finanziell – stärksten Liga der Welt: der WNBA.
Manch einer spricht sogar schon von einem „Dream-Team“. Zwar hatten A’ja Wilson und Kelsey Plum, und damit zwei erfahrene Starspielerinnen, ihre WM-Teilnahme kurzfristig abgesagt. Doch im Kader finden sich noch weitere fünf Weltmeisterinnen sowie einige hoch gehandelte Nachwuchsspielerinnen. Darunter natürlich auch die gehypte Point Guard Caitlin Clark.
Sie füllt in den Staaten die Hallen, wenn sie für Indiana Fever auf dem Parkett steht. Und auch bei ihrem WM-Debüt am Freitag in der Max-Schmeling-Halle gegen China bekommt sie beim Einlaufen doppelt so viel Applaus wie alle anderen Spielerinnen. Ja, Clark spielt unfassbar gut, bringt Tempo ins Spiel, verteidigt konsequent, schaltet schnell um, passt mit ihrem Spielüberblick immer im richtigen Moment, trifft selbst. Aber sie weiß auch: „Bei jeder, der ich den Ball zupasse, habe ich das Gefühl, sie wird nie daneben werfen.“ Eine bessere Ausgangslage kann man sich für eine Weltmeisterschaft nicht wünschen.
Und dementsprechend lieferte das US-Team auch beim Auftaktspiel gegen – man beachte – Vizeweltmeister China (94:61). Erstaunlich eingespielt wirkte das Team, das sich eigentlich gar nicht einspielen konnte, weil bis vor Kurzem noch die WNBA-Saison lief.
Nach dem Spiel rannte eine Gruppe Jugendlicher mit einem selbstbemalten Schild mit der Aufschrift „Caitlin, you’re my idol“ die Tribüne herunter, um ihrem Idol ganz nahe zu sein. Kurz zuvor wurde sie auch noch zum „Player of the game“ geehrt, mit 14 Punkten und 11 Assists. Es ist genau das, was sich der Frauenbasketball erhofft: Vorbilder, Begeisterung, Wachstum, noch mehr Vorbilder, noch mehr Begeisterung, noch mehr Wachstum.
Auch bei den zahlreichen Zuschauern am Sonntag beim Spiel gegen Italien ist diese Begeisterung zu spüren. Aber es ist nicht mehr nur das US-Team, das begeistert. Dieses ist mit dem knappen Sieg nun vorzeitig ins Viertelfinale eingezogen. Doch das so vermeintlich unbezwingbare Team ist schlagbar und das macht dieses Turnier besonders spannend.






