Graphic Novel „Al-Fazia“ von Tobi Dahmen: Von der Kunst des Überlebens

Akram Al Saud ist ein zurückhaltender Mensch. Geht es allerdings um Gerechtigkeit, erhebt er seine Stimme: „Ich versuche, für die zu sprechen, deren Stimme unterdrückt wird“, sagt er. Al Saud stammt aus Syrien, 26 Jahre lang lebte er unter den Repressionen des Assad-Regimes.

Zehn Jahre später sitzt er in einer Kiezbibliothek in Berlin-Kreuzberg – vor sich ein frisch gedrucktes Buch, aus dem er an diesem Abend lesen wird. „Al-Fazia’ – Das Grauen“ heißt die dokumentarische Graphic Novel, mit der Comicautor Tobi Dahmen Al Sauds Biographie erzählt. Von Syrien bis in die Niederlande.

Tobi Dahmen ist bekannt für seine aufwendig recherchierten Comics. Zuletzt arbeitete der Künstler in der mehrfach ausgezeichneten Graphic Novel „Columbusstraße“ die Geschichte seiner Familie während der NS-Zeit auf.

Am Abend der Buchvorstellung sitzen die beiden nun nebeneinander am Lesepult, als wären sie alte Freunde. Drei Jahre ist es her, dass sie sich in Amsterdam zum ersten Mal begegneten – vermittelt durch das kanadische Forschungsprojekt „Survivor-Centred Visual Narratives“, das Künstler:innen mit Überlebenden staatlicher Gewalt zusammenbringt. Aus einer ersten Begegnung wurden etliche Treffen in einem Café in Den Haag.

Auf eine Tasse Kaffee

Ihr engmaschiger Austausch bildet auch die Rahmenhandlung der Graphic Novel: Szenen, in denen sich Dahmen und Al Saud als markant gezeichnete Figuren am Tisch gegenübersitzen, vor sich eine Tasse Kaffee und eine lange Geschichte. In all ihren Details zeichnet Dahmen die Erzählungen Al Sauds auf, hörte zu, stellte Rückfragen. Auch das dokumentieren die Bildsequenzen, die zwischen den Treffen in Den Haag und in Rückblenden nach Syrien springen.

Mit skizzenhaftem Strich, gedeckten Farbtönen und lakonischer Sprache ziehen Dahmens Comic-Szenarios jetzt auf knapp 80 Seiten tief hinein in Al Sauds Erinnerungen an ein Land, geprägt von Gewalt.

Geboren in einer Kleinstadt im Osten Syriens, schloss sich Al Saud als Student der Protestbewegung gegen das Assad-Regime in Aleppo an. Die Konsequenz war jahrelange Verfolgung durch die syrischen Geheimdienste. Viermal wurde er inhaftiert, gefoltert und schikaniert, bis er die lebensgefährliche Flucht nach Europa wagte.

Das Ausmaß der Gewalt in den Gefängnisanlagen des Assad-Regimes lässt sich nur schwer in Worte oder Bilder fassen. In den Zellen und Folterkammern der Haftanstalten kamen laut Schätzungen des Syrian Observatory for Human Rights unter dem Assad-Regime weit über hunderttausend Menschen ums Leben. Bis heute gelten unzählige politische Gefangene als vermisst.

Nicht alles lässt sich zeigen

Anderthalb Jahre nach Zusammenbruch und Sturz des Assad-Regimes setzt die Aufarbeitung der Gewaltherrschaft zögerlich ein. Und sie wird begleitet von der Frage: Wie lässt sich das Grauen darstellen, ohne es zu reproduzieren?

Eine künstlerische Gratwanderung, der sich Tobi Dahmen bewusst ist: „Im Comic geht es viel darum, was man nicht zeigt.“ Indem er mehr andeutet als abbildet, gelingt ihm eine sensible Bildsprache für die traumatischen Erlebnisse seines Gegenübers.

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Über die Seiten hinweg entwickelt sich so eine berührende Beziehung zwischen Protagonist und Zeichner. Klaustrophobische, blaugraue Szenen im Dunkel der syrischen Massenzellen verbinden sich mit Skizzen, die Dahmen selbst als Comicfigur in seinem Wohnzimmer zeigen, wie er die Maße von Al Sauds Zelle absteckt. Drei mal vier Meter für wie viele Menschen? Die Skizze im Buch bleibt unvollständig.

In den finstersten Momenten seines Lebens habe sich Al Saud ein Versprechen gegeben, sagt er, während es vor den Fenstern der Bibliothek in Berlin langsam dämmert. „Ich werde mich widersetzen. Und ich werde überleben.“ Die Graphic Novel „Al-Fazia’ – Das Grauen“ ist eindrückliches Zeugnis mutigen Widerstands.

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