Feminismus im Mittelalter: Der Traum des Lebens ohne Männer

M an stelle sich eine Stadt vor, die nur Frauen gehört. Hohe Mauern versperren Männern den Zutritt und bieten eine Zuflucht vor dem Patriarchat. Im Inneren der Stadt: eine egalitäre Gesellschaft, in der Frauen, denen Gewalt angetan wurde, nicht beschämt, sondern geschützt werden. 1405 entwirft Christine de Pizan in „Le Livre de la Cité des Dames“, zu Deutsch „Das Buch von der Stadt der Frauen“, diese Vision einer radikal anderen, matriarchalen Welt.

Den Anstoß für diese Utopie bekommt de Pizan bei der Lektüre der Bücher ihrer männlichen Zeitgenossen. Von ihnen werden Frauen meist als minderwertige Wesen dargestellt, bestenfalls schwach und oberflächlich, sonst heimtückisch und lüstern. Sie beginnt, dagegen anzuschreiben.

Die Erzählerin ihres Buchs wird von drei vornehmen Damen beauftragt, eine Festung gegen Frauenhass zu errichten. Dabei erträumt sie sich eine Welt, in der tugendhafte Frauen selbstbestimmt und solidarisch regieren. Im Gespräch mit den drei Damen plädiert die Erzählerin für die wissenschaftliche Bildung von Mädchen und prangert Zwangsverheiratungen und Vergewaltigungen an. Sie erzählt die Geschichte von den Amazonen und der antiken Dichterin Sappho und preist ihre intellektuellen Stärken.

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De Pizan fordert mehr als nur ein Zimmer für sich allein. Sie fordert eine ganze Stadt

Die französisch-italienische Adlige Christine de Pizan ist Außenseiterin am französischen Königshof. Mit nur 25 Jahren wird sie 1390 Witwe und muss allein für ihre drei Kinder und ihre Mutter sorgen. Trotzdem wird sie professionelle Schriftstellerin – die erste Europas. Für ihre Erzählung von der Stadt der Frauen stützt sie sich auf die Geschichten von rund hundert Frauenfiguren, von der Königin von Saba über die römische Lucretia bis zu den Königinnen ihrer Zeit.

De Pizan will mehr als nur ein Zimmer für sich allein

Symbolisch räumt die Erzählerin die „schmutzigen, grob behauenen schwarzen Steine“ aus dem Weg, die das Fundament der patriarchalen Stadt bilden. Die Steine stehen für sie für den abwertenden, männlichen Blick ihrer Zeitgenossen.

Jeder von ihr gelegte Grundstein verweist dagegen auf eine Heldin der Antike. Als Ehrenbürgerinnen gelten für ihre Weisheit bekannte biblische Vorbilder wie Maria Magdalena und die Heilige Katharina. Aus ihrer bürgerlichen, weißen, heterosexuellen Perspektive heraus fordert de Pizan mehr als nur „ein Zimmer für sich allein“: Sie fordert eine ganze Stadt für alle Frauen.

Das Buch sorgt im intellektuellen Europa für Aufruhr und wird rasch ins Flämische und Englische übersetzt. Als eine der Ersten stellt Christine de Pizan die Frage nach der Gleichstellung von Frauen. Lange blieb ihr Erbe unbeachtet, bis die Philosophin Simone de Beauvoir sie 1949 in „Das andere Geschlecht“ zitierte. Paris würdigte de Pizan zu den Olympischen Spielen 2024 mit einer goldenen Statue, gemeinsam mit neun weiteren Denkerinnen. Die Darstellung von Frauen mag sich in 600 Jahren verändert haben. Doch der Traum einer matriarchalen Welt ist heute noch so aktuell wie 1405.

  • informationsspiegel

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