Hass und Hetze gegen Journalistin: Israelin, Araberin – und angefeindet

Sie schrien in ihre Lautsprecher, dass sie zurückkommen würden. Sie ließen sich nicht einmal von den anwesenden Po­li­zis­t*in­nen einschüchtern, bis diese den Anführer der Gruppe, Ziv Baranes, festnahmen. Und auch dann drohten sie, wiederzukommen. Rechte Aktivisten hatten sich am Dienstagabend unter den Fenstern von Moderatorin Lucy Aharish in Tel Aviv versammelt, und das nicht zum ersten Mal.

Wer verstehen will, wieso, muss in die Lebensgeschichte von Aharish schauen. Die israelisch-arabische Nachrichtensprecherin, Schauspielerin und Journalistin ist die erste Muslimin palästinensischer Herkunft, die als Moderatorin bei einem israelischen, hebräischen Sender arbeitet. Mit 44 Jahren ist sie in ihrem Heimatland Israel ein bekanntes Gesicht. Und eines, das manche gern als Zielscheibe von Hass und Wut nehmen.

Aufgewachsen in einer Kleinstadt mitten in der Negev-Wüste in einer arabischen Familie aus Nazareth, studierte sie Journalismus, Theater und Politikwissenschaften. Drei Jahre lang moderierte sie die Nachrichten beim englischsprachigen Sender I24news, später wechselte sie zu Channel 13.

Aharish, die sich selbst als „Israeli, Frau und arabische Muslimin, in der Reihenfolge“ definiert, wurde als arabisches Kind in ihrer jüdischen Schule gemobbt und war gleichzeitig als Fünfjährige Ziel eines Terroranschlags, als sie im Gazastreifen mit ihrer Familie einkaufte.

Sie steht für vieles, aber vor allem eines: Vielfalt. Interkultur. Koexistenz. Und letztendlich für Frieden in einem hoch polarisiertem Konflikt. Ihr Ehemann ist der israelische Schauspieler Tsahi Halevi, das Paar hielt aus Angst vor Anfeindungen vier Jahre lang seine Beziehung geheim. Als sie heirateten, kritisierten mehrere rechte Po­li­ti­ke­r*in­nen die interkonfessionelle Ehe. Oren Hazan, Parteikollege des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, kritisierte die „Assimilierung“ und lud Aharish zum Konvertieren ein.

Die „gehorsame Araberin“

Aharish stand selbst mehrfach im Mittelpunkt von Kontroversen. Etwa im Jahr 2015, als sie die Fackel bei der Regierungszeremonie am Unabhängigkeitstag anzündete. Eine Ehre, die für sie mit Vorwürfen verschiedenster Art einherging. Etwa Netanjahus Wahlkampagne zu unterstützen, die „gehorsame Araberin“ zu spielen und gleichzeitig zu antizionistisch zu sein, um die Ehre zu erhalten.

Vor den Kundgebungen vor ihrem Haus hatte sie die Netanjahu-Regierung kritisiert, nicht genug gegen tödliche Gewalt gegen die israelisch-arabische Community zu tun. Ara­be­r*in­nen würden bei der nächsten Wahl für einen Regierungswechsel zu den Urnen strömen, sagte sie, Inshallah, auf Deutsch: So Gott will.

Es seien Netanjahus „Rowdys“, die unter ihren Fenstern stehen, sagt sie jetzt. „Es sind deine Rechten, Netanjahu: gewalttätig, zensierend, mobbend und hetzend.“ Im Interview mit dem Sender Channel 13 erklärte sie, es gebe „keine Vergebung für das, was mein Sohn gestern erleben musste“, und bezog sich dabei auf ihr fünfjähriges Kind, das die Anfeindungen miterleben musste.

Die rechten Aktivisten hielten ihr Wort: Schon am Mittwochabend versammelten sie sich erneut unter Aharishs Wohnung. Dieses Mal bewarfen sie sogar einen Fotografen der israelischen Zeitung Haaretz mit Steinen, wie das Medium berichtet. Bei ihrem Angriff sollen sie selbst das Wort Inshallah benutzt haben: „Inshallah, kriegst du einen Herzinfarkt“ und „Wir kamen, um eine Botschaft rüberzubringen. Dies ist das vierte Mal und es wird nicht aufhören, Inshallah.“

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