Häusliche-Gewalt-Vorwürfe gegen Zverev: Nicht „unser Sascha“

E ndlich hat „unser Sascha“ es geschafft. Alexander Zverev – Sascha ist die russische Koseform seines Namens – ist es nach drei verlorenen Grand-Slam-Finals beim vierten Versuch geglückt: Bei den diesjährigen French Open konnte er sich den einzigen Titel, der ihm in seiner Karriere noch fehlte und um den er so lange kämpfte, sichern.

Und alle freuen sich mit: „Der Durchbruch für Zverev: ‚Wir sind Champion‘“, titelte das ZDF, „Jetzt muss er es keinem mehr beweisen“, die Zeit. „Zverev in Paris am Ziel seiner Grand-Slam-Träume“, schreibt Eurosport. Wie toll!

Aber mit wem identifizieren sich die deutsche Presse und alle, die seinen Sieg feiern, da eigentlich? Haben sie vergessen, dass Zverevs Ex-Freundin Olga Sharypova, ebenfalls Tennisspielerin, 2020 schwere Vorwürfe der physischen und psychischen Gewalt gegen ihn erhob? Haben sie auch vergessen, dass eine zweite Ex-Freundin, Brenda Patea, ihm ebenfalls Körperverletzung anlastete?

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Sharypovas Vorwurf, dass Zverev sie während der Shanghai Masters 2019 gewürgt und ins Gesicht geschlagen habe, wies Zverev damals kategorisch zurück. Eine Untersuchung der ATP, der Vereinigung der professionellen männlichen Tennisspieler, kam im Januar 2023 zu dem Schluss, dass es dafür „keine ausreichenden Beweise“ gebe und dass er deswegen keine Maßnahmen zu fürchten habe. Zu einem gerichtlichen Prozess kam es nie.

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Juristisch gilt Zverev als unschuldig

Anders als in Pateas Fall. Im Juni 2024 begann der Prozess in Berlin, der gleichzeitig mit den French Open stattfand, weshalb Zverev nicht anwesend war. Patea warf Zverev vor, sie im Mai 2020 im Flur einer Airbnb-Wohnung in Berlin gewürgt zu haben.

Nach drei Prozesstagen, während der Zverevs Anwälte das Bild bemühten, dass Patea nur aufs Geld aus sei und ihre Vorwürfe von Sharypova kopiert habe, wurde der Prozess eingestellt. Patea und Zverev haben sich „im Namen ihres gemeinsamen Kindes“ außergerichtlich geeinigt. Was diese Einigung beinhaltete, wurde nicht bekannt gegeben.

Juristisch gilt Zverev als unschuldig. Ein richterliches Urteil gab es in beiden Fällen jedoch nicht – einmal, weil ein Prozess nie stattfand, einmal, weil der Prozess eingestellt wurde. Dass sich gerade Frauen über diesen Grand-Slam-Sieg deshalb nicht freuen können, ist verständlich. Dass die Presse dagegen mitjubelt, ist es nicht.

Euer Sascha

Auch deutsche Sportkommentatoren leisten dabei ihren Beitrag, wenn sie ihn liebevoll „unseren Sascha“ nennen. Weil er halt für die Bundesrepublik spielt, mit der sich Zuschauer_innen wohl identifizieren sollen.

„Unser Sascha“ ist es aber nicht nur deshalb sicher nicht; außer mit „unser“ sind nur Männer gemeint, die Frauen nicht glauben. Dann ist es euer Sascha.

Auch bei Eurosport blieb 2024 eine falsche oder jedenfalls irreführende Darstellung des Berliner Verfahrens stehen. Im Vorgespräch zum French-Open-Spiel gegen Casper Ruud am 7. Juni 2024 sagte Boris Becker als Experte sinngemäß, Zverev habe den Prozess gegen Patea „gewonnen“ und Patea habe ihre Anschuldigung zurückgezogen. Beides war falsch: Das Verfahren wurde nicht gewonnen, sondern ohne Urteil eingestellt; eine Rücknahme der Anschuldigung ist öffentlich nicht belegt. Eine Richtigstellung seitens Eurosport blieb aus.

Erinnerungsarbeit, dass es die Vorwürfe gab, leisten weibliche Tennisfans in den Social-Media-Kommentarspalten jener Zeitungen, Grand-Slam-Accounts und Sport-Sender, die Zverevs Sieg bedingungslos feiern. „Ich glaube seinen Ex-Freundinnen“, „Ein dunkler Tag für das Tennis“, „Schlimm, heute als Frau Tennisfan zu sein“, „Ich denke an Olga und Brenda“.

Wenigstens sie haben nicht vergessen, dass Zverev kein Held ist.

  • informationsspiegel

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