Hoffnung in Gaza: „Ich schaue zum Himmel und flüstere, das ist das Ende“

L aute Stimmen kommen von den Zelten. Frauen jubeln, Kinder lachen und schreien vor Freude. Es ist der Moment, auf den jeder gewartet hat: die Ankündigung eines Waffenstillstands. Die Schreie vermischen sich und wir können nicht fassen, was passiert. Kann das wahr sein? Geht dieser Krieg tatsächlich zu Ende? Die Antwort ist: Ja.

Und doch, es bleiben noch drei Tage, bevor das Abkommen offiziell in Kraft treten soll. Wir treffen uns in den Straßen, sprechen miteinander, ohne wirklich zu verstehen, was wir fühlen. Mein Herz rennt, mein Atem wird lauter. Ich bin mir jeder Bewegung um mich herum ultrabewusst, höre jedes Geräusch, fühle die Präsenz von anderen. Ich schaue zum Himmel und flüstere: Das ist das Ende.

Ein Jahr und ein halbes haben wir auf diese Neuigkeiten gewartet. Während dieser Zeit ist vieles in uns gestorben, Emotionen, die wir nun wiederzufinden versuchen. Sie werden wiederkehren, so wie wir in unsere Häuser zurückkehren werden.

Unser Zuhause. Ich werde in mein Bett zurückkehren, zu meinen Büchern und zu meiner Tante. Meine Tante Nadia ist in Nordgaza geblieben, sie ist nie gegangen. Sie wartet auf mich.

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Ich stelle mir vor, wie meine Anziehsachen dort im Schrank auf mich warten. Warum sollten sie nicht? Ich habe meine Anziehsachen immer wie meine engsten Freunde behandelt, habe sie in meinen Schrank gelegt, sodass sie meinen Geruch annehmen. Aber was ist mit meinen Büchern – warten sie noch auf mich?

Ich bin mir jeder Bewegung ultrabewusst um mich herum, höre jedes Geräusch, fühle die Präsenz von anderen. Ich schaue zum Himmel und flüstere: Das ist das Ende

Vor zwei Jahren hat mir Professor Munir Fasheh fünf seiner neu publizierten Bücher aus Jordanien geschickt. Niemand sonst hatte seine Bücher in Gaza. Aber ich musste sie zurücklassen, als ich geflohen bin, um mein Leben zu retten. Ich erinnere mich, wie die israelische Besatzungsmacht unsere Häuser besetzt und unsere Bibliotheken verbrannt hat. Was ist, wenn ich zurückkehre, um nichts mehr dort zu finden?

Drei Tage bleiben noch, bis wir zurückkönnen in unsere Häuser, in eine Nachbarschaft, die viel verloren hat von dem, was sie ausgemacht hat. Diese Tage fühlen sich unerträglich schwer und angsteinflößend an. Die israelische Besatzung hat nicht aufgehört mit den Bombardierungen. Sie versuchen, uns unserer Freude zu berauben, unseres kleinen Gefühls von Frieden. Es sterben noch Menschen.

Ein Telefonanruf von meiner Geliebten unterbricht das Chaos um mich herum. Mein Herzschlag beschleunigt sich, und ich will schreien, aber ich kann nicht. Sie sagt zu mir: „Jetzt können wir endlich unsere Leben leben.“ Und in dem Moment realisiere ich: Meine Liebe ist zu einer Zuflucht vor dem Krieg geworden. Und dieser Sonntag könnte der Tag werden, an dem wir gemeinsam feiern. Wir werden weit reisen, lernen, leben und Freude finden ohne Furcht. Wartet ihr auf uns?

Esam Hani Hajjaj (27) kommt aus Gaza-Stadt und ist Schriftsteller und Dozent für kreatives Schreiben für Kinder. Nach Kriegsausbruch ist er innerhalb des Gazastreifens mehrfach geflohen.

Internationale Jour­na­lis­t*in­nen können seit Beginn des Kriegs nicht in den Gazastreifen reisen und von dort berichten. Im „Gaza-Tagebuch“ holen wir Stimmen von vor Ort ein.

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