
Filmpremiere im Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Berlin-Pankow: „Wir schauen hin“ heißt der Streifen, in dem der Schauspieler Matthias Matschke die personifizierte Klimasau spielt. Ein bisschen Überschwemmung hier, ein bisschen Feuer da – und die Bienen gibt es auch nicht mehr, denn jetzt gibt es Artensterben. Vielleicht 250 Schüler sind an diesem Donnerstagvormittag zur Premiere gekommen, und die erleben, wie die Klimasau Matschke wütet. Weil sie ja kann, wie Matschke sagt: „Im Alltag oder in den Medien, da komm ich ja kaum vor.“
Interessanter als der 35-Sekunden-Spot ist seine Geschichte: Seit dem Jahr 2020 kämpft der Verein „Klima vor acht“ für eine bessere Berichterstattung über die Klimakrise im Fernsehen. Der Name entstand durch einen Sendeplatz: „An einem ganz normalen Tag kann man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bis zu sieben Schalten zur Börse sehen“, sagt Friederike Mayer, die Vorsitzende des Vereins. Das gipfelt schließlich in der Sendung „Börse vor acht“. Meyer: „Der Sendeplatz vor der ‚Tagesschau‘ hat eine große Reichweite.“ Allerdings hätten die wenigsten Deutschen ein Aktiendepot, während die Klimakrise alle betreffe. Deshalb forderte die Initiative eine adäquate Sendung: „Klima vor acht“ und sammelte dafür 30.000 Unterschriften.
Die ARD lehnte eine solche damals ab mit der Begründung, sich nicht in den Dienst von Aktivisten stellen zu wollen. Stattdessen führte die ARD „Sprüche vor acht“ ein, offensichtlich eine Provokation. Tatsächlich aber haben die Aktivisten recht: Die Berichterstattung über die Erderhitzung und das Artensterben ist im Fernsehen deutlich unterrepräsentiert. „Klimathemen spielen in 1,8 Prozent der Sendezeit der vier großen Sender eine Rolle, bei der Biodiversität sind es sogar nur 0,2 Prozent“, sagt die Schauspielerin Maria Furtwängler – zu sehen etwa als „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm in der ARD. Mit ihrer MaLisa-Stiftung hatte sie 2023 ARD, ZDF, RTL und ProSiebenSat1 untersucht, Furtwängler engagiert sich stark für den Artenschutz.
Die Zahlen decken sich mit jenen, die der Verein „Klima vor acht“ für die Öffentlich-Rechtlichen erhebt: Seit 2021 bilanziert er jede Sendeminute, in der das Wort „Klima“ vorkommt, zieht allerdings irrelevante Begriffe wie „Investitionsklima“ oder „Klimaanlage“ wieder ab. „Unsere Daten zeigen: Die Berichterstattung ist geringer geworden“, erklärt Mayer. Tatsächlich ergab die Auswertung des ersten Halbjahres 2026: Der Anteil einer Berichterstattung über das Klimaproblem lag in der ARD und beim ZDF bei unter 1 Prozent.
Verein produziert selbst Sendungen
Um das zu ändern, hatte der Verein selbst angefangen, geeignete Filme für einen Sendeplatz „Klima vor acht“ herzustellen. Die drei- bis fünfminütigen Folgen der Pilotstaffel beschäftigten sich beispielsweise mit der Rolle der Moore, mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, dem Grönlandeis oder der Attributionsforschung – also jener Wissenschaft, die betrachtet, wie der Klimawandel bereits auf unser Wetter wirkt. 2021 kooperierte der Verein mit dem Privatsender RTL und entwickelte das Format „Klima Update“, das zweimal pro Woche nach den Hauptnachrichten von „RTL aktuell“ ausgestrahlt wurde. 2022 wurde die Sendung für den Adolf-Grimme-Preis 2022 nominiert.
„Im Alltag oder in den Medien, da komm ich ja kaum vor“, sagt die Klimasau Matthias Matsche im Premierenfilm. Der sollte eigentlich vor der „Tagesschau“ in der ARD laufen – als bezahlter Werbespot. Der Verein hatte dafür anderthalb Jahre lang Spenden gesammelt, die notwendigen 135.000 Euro waren in diesem Jahr zusammengekommen. Allerdings lehnte die ARD Media GmbH nun eine Ausstrahlung ab: Begründung: Es handele sich bei dem Spot nicht um zulässige Werbung. Gemäß dem Medienstaatsvertrag müsse Werbung den Zweck erfüllen, entweder den Absatz von Produkten zu fördern oder aber das Image eines Unternehmens zu verbessern. Beides sah die ARD Media im Fall des „Wir schauen hin“-Spots nicht erfüllt. Auch die neue EmpCo-Richtlinie führte die ARD als Ablehnungsgrund an: Mit ihr will die EU-Kommission falsche Umweltaussagen in der Werbung verhindern.
Friederike Mayer sieht beides anders und verweist auf einen Imagefilm der Deutschen Telekom: „Die Kampagne lautete ‚Augen auf gegen Hass‘ und lief genau an der Stelle, an der wir den Sendeplatz buchen wollten“. Bei ihren Arbeiten an dem „Wir schauen hin“-Film habe sich der Verein an ebenjenem Imagefilm der Telekom orientiert. Zudem würden keine produktbezogenen Umweltaussagen gemacht, „die EmpCo ist also irrelevant“. Die Vereinsvorsitzende: „Wir haben jetzt einen Medienanwalt beauftragt, gerichtlich gegen die Ablehnung durch die ARD Media vorzugehen.“






