
Die Schülerinnen und Schüler stehen im Kreis auf dem Rasen des Square de la Bourse in Mulhouse im Elsass. Einige rauchen, andere verschlingen die belegten Baguettes, die ein paar Meter weiter an einem Stand verteilt werden. Lena Meloni hält einen Pappkarton in der Hand, den sie selbst beschrieben hat. Und zwar mit Abkürzungen der Schüler:innenproteste, bei denen sie von Anfang an dabei war: FTG steht für „Fuck the Government“, ACAB für „All Cops Are Bastards“. Die 16-Jährige hat zwei schwarze Herzchen daneben gemalt, als meine sie es mit der Beschimpfung der Polizei nicht so ernst. Dabei hat die Schülerin der 12. Klasse gesehen, wie Polizisten bei den Schulblockaden auf ihre Freunde einprügelten. „Einige bluteten am Kopf“, berichtet sie. „Ich habe Videos davon gemacht.“
Lena besucht das Gymnasium Louis Armand in Mulhouse. Wie die anderen Gymnasien der ostfranzösischen Stadt war auch ihre Schule vor den Herbstferien blockiert. Doch nach dem Ende der Herbstferien geht der Unterricht normal weiter. Die junge Frau mit den rosa gefärbten Haaren sucht deshalb andere Formen des Protests. Deshalb steht sie am Square de la Bourse neben Mittfünfzigern in den orangen und roten Westen der Gewerkschaften. Die hatten, wie überall in Frankreich am Donnerstag, zu Demos gegen die hohen Lebenshaltungskosten geladen.
An den rund 250 Kundgebungen in ganz Frankreich hatten sich mehrere Hunderttausend Menschen, vermutlich nahezu eine Million, beteiligt. Mit den Gewerkschaften demonstrierten auch die Schüler*innen und Studierenden, die bereits seit 6 Wochen mit Streiks, Blockaden und Kundgebungen für bessere Studienbedingungen und gegen das derzeitige Selektionsverfahren namens Parcoursup, das Präsident Emmanuel Macron eingeführt hatte, kämpfen.
Doch die „convergence“, der Zusammenschluss der verschiedenen Anliegen zu einer großen Protestbewegung, klappt noch nicht. Schüler:innen und Gewerkschafter:innen sind fein säuberlich voneinander getrennt. Gesprochen wird kaum miteinander. Die Jugendlichen stehen in Gruppen zusammen, die Gewerkschaften haben ihre Lautsprecher ein paar Meter weiter aufgebaut.
Schüler:innen und Gewerkschafter:innen stehen in Mulhouse fein säuberlich voneinander getrennt. Gesprochen wird kaum miteinander
„Paroles, paroles“
Die CFDT, die größte Gewerkschaft Frankreichs, ist mit einem weißen Lastwagen vorgefahren. „Paroles, paroles“ dröhnt es von der Chansonsängerin Dalida aus den Lautsprechern, während der CFDT-Funktionär Jean-Luc Rué erklärt, dass Benzin, Nahrungsmittel und Nebenkosten immer teurer würden: „Doch die Löhne folgen nicht.“ Große Arbeitgeber gebe es in der Region kaum. Allein der Autobauer Stellantis unterhält ein Werk, wo 2.000 Menschen arbeiten. Zu den Anliegen der Schüler:innen sagt Rué wenig. Nur dass die Gewerkschaft die Forderungen der Lehrerschaft unterstütze.
Auch die linke Partei La France insoumise ist am Square de la Bourse vertreten, wo sich insgesamt rund 500 Menschen an diesem sonnigen Donnerstagnachmittag versammelt haben. Florence Claudepierre verteilt die lila LFI-Fahnen mit dem griechischen Buchstaben Phi darauf an die Schüler:innen. Die Mittfünfzigerin kandidierte für den Stadtrat, wurde aber nicht gewählt.
Sie erregt sich über die zahlreichen Schaufenster, die im Stadtzentrum mit Spanplatten verbarrikadiert sind. „Touche pas à mon commerce“ (etwa: „Finger weg von meinem Geschäft“) steht auf gelb-schwarzen Aufklebern. „Die Stadtverwaltung hätte das Geld für diese Platten besser dafür ausgegeben, die Forderungen der Jugendlichen zu erfüllen.“
Die Staatsführung ist mittlerweile mit einer „Konvergenz“ der Wut aus verschiedenen Richtungen konfrontiert. Dass es so weit kommen konnte, ist weniger das Ergebnis einer politischen Strategie von „ultralinken“ Kreisen oder der Linkspartei LFI von Jean-Luc Mélenchon. Vielmehr ist es das Resultat einer manifesten Unfähigkeit der Regierung von Sébastien Lecornu zuzuschreiben, mit den diversen Bewegungen einen ernsthaften und erfolgversprechenden Dialog zu führen. Der Premierminister hatte vergeblich gehofft, dass die protestierenden Jugendlichen sich mit der Zeit beruhigen und wieder in den Unterricht zurückkehren oder durch die Repression eingeschüchtert würden.
„Wir sind müde“
Die Schüler:innen in Mulhouse hoffen dagegen, dass ihre Anliegen nicht vergessen werden. „Wir sind müde“, sagen einige von ihnen, die seit Mitte September protestieren. Ein 17-Jähriger denkt, dass die Zeit der Blockaden nun vorbei ist. Kundgebungen würden an ihre Stelle treten. Was für ihn nach dem Abitur im nächsten Jahr komme? „Ich bin Anarchist.“ Als solcher mache er sich keine Sorgen um die Zukunft.
Die Gelbwesten rufen in den Netzwerken bereits zu einer Fortsetzung der Proteste am Freitag und Samstag auf – mit oder ohne behördliche Genehmigungen. Ermutigt durch die Massenkundgebungen am Donnerstag fordern sie die Autorität des Staates zu einer Kraftprobe auf der Straße heraus.






