Krieg in der Ukraine: Leben im Rhythmus der Raketen

In der Nacht zu Sonntag sitze ich gegen ein Uhr im Flur meiner Wohnung in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw und zähle die Sekunden zwischen den Lichtblitzen vor meinem Fenster und den Geräuschen von Explosionen. Auf diese Weise lässt sich grob abschätzen, in welcher Entfernung eine Rakete, eine Drohne oder deren Trümmer niedergegangen sind.

Mittlerweile können die Einwohnerinnen Kyjiws allein am Geräusch eine Kampfdrohne von einem Düsenjet unterscheiden, einen Marschflugkörper von einer ballistischen Rakete und das Geräusch einer aktiven Flugabwehr von der Explosion eines Einschlags. Dies ist eine Begleiterscheinung des Lebens in einer Stadt, die Russland regelmäßig aus der Luft angreift.

In der Nacht zum 24. Mai führt Russland einen der massivsten Luftangriffe auf die Ukraine seit Beginn des vollumfänglichen Krieges durch. Nach Angaben der Luftwaffe setzt das russische Militär 90 Raketen verschiedener Typen sowie 600 Drohnen ein. Hauptziel des Angriffs ist Kyjiw. „Dies war die härteste Nacht seit Jahren“, schreiben die Menschen in den sozialen Medien. Härteste Nacht oder nicht, aber es ist sicherlich eine jener Nächte, nach denen die Stadt noch lange Zeit aufmerksam in die Stille hinein horcht.

Nach den ersten Explosionen denke ich noch, ich könne vielleicht einschlafen. Doch die Einschläge kommen immer häufiger. Es ist unmöglich, sich an ballistische Angriffe zu gewöhnen: Manchmal vergehen zwischen dem Luftalarm und der Detonation nur wenige Minuten. Bei jedem Einschlag spannt sich mein Körper an, als würde er von einem Stromschlag durchzuckt. Dann tritt eine kurze Stille ein – ein Moment, um einiges zu überprüfen: Ich lebe, das Haus steht noch, also ist vorerst alles in Ordnung.

Etwas Absurdes

Gegen zwei Uhr morgens höre ich, wie die Worte der ukrainischen Nationalhymne durch die Wand dringen. Zuerst denke ich, meine Nachbarn versuchten lediglich, sich zu beruhigen. Dann sehe ich in den Nachrichten: Der ukrainische Boxer Oleksandr Usyk hat gerade den Niederländer Rico Verhoeven besiegt. Die Leute in der Nachbarwohnung haben den Kampf in den Pausen zwischen den Explosionen verfolgt – und die ukrainische Hymne laut mitgesungen.

Dieser Augenblick hat beinahe etwas Absurdes an sich – und zugleich etwas, das der Ukraine im vierten Jahr des Krieges zutiefst vertraut ist: Raketen fliegen am Fenster vorbei, Benachrichtigungen über erneute Explosionen fluten das Telefon, und doch klammern sich gleich hinter der Wand die Menschen weiter an das Leben. Nicht, weil sie keine Angst hätten, sondern weil die Angst nicht der einzige Sinn der Nacht sein darf.

Der Morgen nach einem massiven Beschuss in Kyjiw beginnt nicht mit einem Kaffee, sondern mit einem Blick auf die Nachrichten: Was wurde getroffen, wer hat überlebt und wie viele Menschen wurden verletzt? Diesmal ist einer der ersten Beiträge in meinem Feed ein Text der ukrainischen Filmemacherin und Autorin Iryna Tsilyk.

„Die Tür im Zimmer meines Sohnes wurde regelrecht aus den Angeln gerissen. Die Fenster unserer Nachbarn zersplitterten und direkt gegenüber schlug etwas ein. Ich laufe durch die Wohnung, rauche in den Zimmern und schaue mich ständig um. Ich bin ruhig und doch zittere ich. Es ist lange her, dass wir so sehr rennen oder uns im Flur flach auf den Boden werfen mussten“, schreibt sie.

Teile von Kjiws Gedächtnis getroffen

Diesmal trifft der Angriff insbesondere das Zentrum Kyjiws. Berichten von Behörden und Kultureinrichtungen zufolge werden der Schytnij-Markt, das Taras-Schewtschenko-Literaturinstitut, das Nationale Kunstmuseum der Ukraine, das Ukrainische Haus, das Nationalmuseum „Tschornobyl“, die Kleine Oper Kyjiw sowie das Kulturzentrum „Hinaus“ beschädigt.

Was wie eine bloße Auflistung von Gebäuden klingt, ist für Kyjiw jedoch ein Teil des Gedächtnisses der Stadt. Der Schytni-Markt ist eines der Wahrzeichen des historischen Stadtviertels Podil. Das Literaturinstitut ist ein Ort, der untrennbar mit dem ukrainischen Literaturarchiv verbunden ist. Das Tschornobyl-Museum bewahrt die Erinnerung an eine der größten von Menschen verursachten nuklearen Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

Auch Regierungsgebäude werden beschädigt – konkret jene Gebäude, in denen die Regierung der Ukraine sowie das Außenministerium untergebracht sind. Die ukrainische Premierministerin Julija Swyrydenko schreibt auf der Social-Media-Plattform X, dass das Regierungsgebäude infolge einer Explosion Schaden genommen habe, jedoch niemand verletzt worden sei. Sie bezeichnet den Angriff als ein weiteres Zeugnis dafür, dass Russland – unfähig, die Ukraine zu brechen – weiterhin zivile Gebiete mit Raketen und Drohnen beschießt.

Explosion während eines russischen Angriffs in Kyjiw in der Nacht zu Sonntag

Foto: Gleb Garanich/reuters

Die Schäden am Nationalmuseum „Tschornobyl“ sind beträchtlich. Im Internet kursieren Fotos und Videos, die aus dem Gebäude aufsteigende Flammen zeigen, gefolgt von einer dichten Rauchwolke. Einige Medien berichten, das Museum sei zerstört worden. Offizielle Stellungnahmen sind vorsichtiger, doch sie schmerzen nicht minder: Etwa 40 Prozent der Exponate sind unwiederbringlich verloren.

„Mit dem heutigen Angriff hat Russland versucht, nicht nur Leben, sondern auch die Erinnerung zu zerstören“, heißt es aus dem Innenministerium der Ukraine. Seinen Angaben zufolge hätten Rettungskräfte und Museumsmitarbeiter unmittelbar nach dem Angriff mit der Evakuierung der Exponate begonnen. Es sei ihnen gelungen, Gegenstände aus den Museumsdepots, ein Gemälde der bekannten Künstlerin Marija Prymatschenko sowie die ukrainische Flagge zu retten, die nach dem Abzug russischer Truppen 2022 am Kernkraftwerk Tschornobyl gehisst worden war.

In Podil sind es nicht nur Mu­se­ums­mit­ar­bei­te­r:in­nen und städtische Dienste, die Glasscherben beseitigen. Die Druckwelle hat auch in kleinen Cafés die Scheiben bersten lassen. Stanislaw Zavertailo, der Inhaber eines Cafés, hat vor seinem beschädigten Lokal ein Video aufgenommen: „Na? Hier ist es – Unternehmertum auf Ukrainisch. Jetzt sind wir an der Reihe, um russische Raketen zu begrüßen“, sagt er. Bereits am Nachmittag lädt Zavertailo Leute auf einen Kaffee ein. Von den Glassplittern in dem Raum ist nichts mehr zu sehen.

Infolge des jüngsten massiven Angriffs auf Kyjiw seien zwei Menschen ums Leben gekommen und weitere 87 verletzt worden – darunter drei Kinder, berichtet der staatliche Dienst für Notfallsituationen der Ukraine.

Tote, Verletzte, beschädigte Wohnhäuser, Museen, Cafés, Regierungsgebäude – diese Angaben klingen trocken. Doch hinter jeder Zahl verbirgt sich die Nacht von Menschen im Hausflur, ein zerstörtes Kinderzimmer oder der morgendliche Versuch, Glasscherben wegzufegen.

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Nach Nächten wie diesen wirkt Kyjiw nicht heldenhaft. Es wirkt erschöpft – mit Fenstern, die mit Sperrholz vernagelt sind, schwarzen Rauchspuren an den Fassaden und Menschen, die schweigend Scherben von den Gehwegen fegen. Das Heldentum liegt hier nicht in großen Worten, sondern in kleinen Taten: ein Café wieder zu öffnen, ein Museumsexponat zu retten oder den Liebsten einfach eine Nachricht zu schreiben: „Ich lebe“. An die Raketen gewöhnt man sich nie. Doch in der Ukraine haben die Menschen gelernt, in den Räumen zwischen ihnen zu leben.

Aus dem Russischen Barbara Oertel

  • informationsspiegel

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