Kriminelle gegen Journalisten: Wenn die Ehrlosen einen Ehrenmann treffen wollen

Als das Handy klingelte, dachte der Journalist Nello Trocchia, das sei ein Anruf wie jeder andere. Doch am Apparat war die Polizei, mit der lapidaren Mitteilung: „Ab heute stehen Sie unter Begleitschutz.“

Begleitschutz rund um die Uhr, weil Trocchia seit Jahren über das immer gleiche Thema schreibt: über Mafia und organisiertes Verbrechen in Italien. Und gerade in den vergangenen Monaten hatte die Polizei verzeichnen müssen, dass sich die Drohungen gegen den Journalisten häuften.

Der 43-Jährige gehört seit Jahren zu den besten Kennern der italienischen Unterwelt, mit der er sich in TV-Sendungen, in Büchern, in seinen Artikeln für das Magazin L’Espresso, die Zeitung Il Fatto Quotidiano und gegenwärtig die Tageszeitung Domani befasst. Immer wieder galt seine Aufmerksamkeit dem Clan dei Casalesi, einem der mächtigsten Clans der neapolitanischen Camorra, ebenso wie dem großen Rad, das die Camorra im illegalen Müllbusiness drehte.

Genauer schaute er aber auch beim organisierten Verbrechen in Rom hin. In Italiens Hauptstadt sind zahlreiche Clans aktiv, ob die Truppe des zur Camorra gehörenden Bosses Michele Senese oder mafiaähnlich strukturierte albanische Gruppierungen oder auch die aus der Fankurve von Lazio Rom stammenden Großdealer, die wiederum mit dem Senese-Clan und der albanischen Mafia Geschäftsverbindungen unterhielten.

„Journalist Terrorist“

Trocchias Zeitung Domani berichtet, wie offen die Bosse mittlerweile ihre Drohungen lancieren, gerne auch als ganz ohne Scheu veröffentlichte Kommentare unter den Social-Media-Posts des Reporters. Ein – mit Klarnamen unterzeichneter – Kommentar lautete schlicht „Amen“, während ein anderer Mafioso ausführlicher wurde, mit den Worten „Journalist Terrorist. Du weißt ja, wer ich bin, jeder wählt sein Schicksal selbst“.

Auch daran, dass solche Drohungen ernst zu nehmen sind, erinnert der Artikel von Domani von vergangenem Montag, mit dem Hinweis, dass Trocchia gerade von einer Gedenkveranstaltung für den am 9. Mai 1978 ermordeten Journalisten Peppino Impastato kam, als die Polizei ihn anrief.

Peppino Impastatos Vergehen hatte darin bestanden, dass er sich in einem Lokalradio regelmäßig über den örtlichen Cosa-Nostra-Boss in einer Kleinstadt vor den Toren Palermos lustig gemacht hatte.

Insgesamt 9 italienische Journalisten fielen seit 1960 der Cosa Nostra und der Camorra zum Opfer, in Neapel, in Catania, in Palermo oder in Trapani, weil sie sich zu hartnäckig für die Geschäfte der Clans interessiert hatten. Der letzte in dieser langen Reihe war im Jahr 1993 der Sizilianer Beppe Alfano.

Mittlerweile nimmt der italienische Staat Mafia-Drohungen gegen Journalisten äußerst ernst. Gegenwärtig stehen nach Auskunft der italienischen Journalisteninnung 22 ihrer Mitglieder unter Begleitschutz. Der wohl prominenteste Buchautor, der seit nunmehr fast 20 Jahren Tag für Tag bewaffnete Beamte um sich hat, ist Roberto Saviano.

Er, damals gerade erst 27 Jahre alt, hatte mit dem Buch „Gomorrha“ einen Weltbesteller zur Camorra gelandet, und er hatte auch danach ein ums andere Mal in Artikeln die Bosse des Clans der Casalesi frontal angegangen – eben jenes Clans, der auch Trocchia immer wieder interessierte.

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