Ladenöffnungszeiten: Sollten Läden auch am Sonntag geöffnet sein?

M ehr Modernität oder mehr Me-Time am Wochenende – darüber kann man sich streiten. Hier machen es zwei taz-Redakteur:innen.

Ja, Läden sollten sonntags öffnen,

weil sich selbst Ladungsöffnungszeiten dem Leben anpassen sollten. Ein Laden, der sonntags öffnen möchte, sollte das auch tun können, der Bedarf ist da. In der jahrzehntealten Debatte wird meist vergessen, dass es bereits sehr viele Branchen gibt, für die Sonntagsdienste die Regel sind: Pflegedienste, Krankenhäuser, Bahn, Gastronomie, Polizei, Feuerwehr, Theater, Kino, Zoos, Museen, Medien, … Wer am Wochenende mit dem Auto an den Badesee will, kann selbstverständlich am Sonntag tanken und später mit den Kindern an einem Stand ein Eis essen. Oh mein Gott, den Geburtstag von Tante Erna vergessen? Kein Problem, rasch zum Blumenladen geflitzt, der hat am Sonntag auf. Abends spontan ein Bier zum Fußball? Kein Ding, der Späti hat alles.

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Wer jetzt mit dem katholischen Sonntag-ist-Familientag kommt, dem sei gesagt: Pfar­re­r:in­nen haben nie einen Familiensonntag, weil sie an diesem Tag brav auf der Kanzel stehen. Wer das Argument der sonntags geöffneten Shopping-Malls anführt, die kleine Läden verdrängen, sollte aufhören, im Internet zu bestellen. Kleine Läden gehen nicht zuvorderst wegen der großen Ketten kaputt, sondern weil Online-Shopping boomt.

Gewerkschaftlicher Einsatz fürs Verkaufspersonal ist immer richtig, könnte bei der Sonntagsfrage das Ziel womöglich verfehlen: Die meisten Läden in den Malls würden am Sonntag erfahrungsgemäß gar nicht öffnen. Und ja, Ar­beit­ge­be­r:in­nen könnten Angestellte zwingen, sonntags zu arbeiten. Kostet mitunter aber Sonntagszuschläge und produziert fehlendes Personal an anderen Tagen – Stichwort Fachkräftemangel. Wer sonntags arbeitet, hat an anderen Tagen nämlich frei, es wäre auch nicht jeder Sonntag ein Pflichtarbeitstag. Es würde sich also gar nicht so viel ändern, aber die wilde Aufregung könnte sich endlich mal legen.

Simone Schmollack

Nein, Läden sollten sonntags geschlossen bleiben,

weil Arbeit nicht alles sein darf. Längst ist die Sonntagsschließung fragwürdig geworden. Warum soll der Supermarkt an der Ecke dicht sein, gleichzeitig Powershopping bei Shein, Amazon, Rewe-Online erlaubt sein? 24/7, Weihnachten, Karfreitag. Kein Wunder, wenn der stationäre Handel lahmt, die Online-Absätze boomen. Tatsächlich ist der Zusammenhang zwischen schwächelndem Absatz in den Läden und dem Aufstieg des Internethandels gar nicht so eindeutig. Häufig liegt es an öden Geschäften und Malls – oder dreisten Preisen.

Wenn aber DIHK-Präsident Peter Adrian nun die „seelische Erhebung“ der Sonntagsruhe diskreditiert, zeigt das eine schäbige Doppelmoral. Bitte ehrlich bleiben, Herr Adrian! Der Lobbyist der Deutschen Industrie- und Handelskammer argumentiert, das Bedürfnis, einen Tag der Woche pausieren zu wollen, sei nicht mehr modern.

Tatsächlich kommt die grundgesetzlich geschützte Sonntagsruhe aus der Weimarer Verfassung von 1919: Sie sei zur „seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“, heißt es. Klingt oldschool, ist aber topaktuell. Abspannen, Me-Time, Zeit für die Kids dürfen kein Luxus sein. Sie sind das Elixier des Lebens, das nicht von launigen Chefs abhängen darf. Am siebten Tag muss auch niemand in die Kirche gehen.

Deshalb sollte Herr Adrian das Seelische nicht kleinmachen, um Konzernen, die von lockeren Öffnungszeiten allein profitieren würden, nach dem Mund zu reden. Für kleinere Läden ist die Sonntagsöffnung vielfach unmöglich. Adrians Verweis auf freiwilliges Öffnen ist angesichts der Konkurrenz mit den Ketten zynisch. Und ja, Bäckerei-Verkäufer*innen arbeiten bereits sonntags. Dass die Koalition angekündigt hat, hier die Öffnungszeiten liberalisieren zu wollen, ist ein Indiz dafür, dass sie einmal mehr Leuten wie Herr Adrian auf den Leim gegangen ist.

Kai Schöneberg

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