Martin Schulz über die Zukunft der SPD: „Wir sitzen in der Regierung, um die Demokratie zu schützen“

taz: Herr Schulz, welche Zukunft hat die SPD?

Martin Schulz: Eine gute, weil die Sozialdemokratie mehr denn je gebraucht wird. Die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft nehmen ja jeden Tag zu: Der Reichtum und die Teilhabe an den öffentlichen Gütern sind unfair verteilt, die Investitionslücke ist riesig und die geopolitischen Herausforderungen für unsere Gesellschaft, besonders durch russische und amerikanische Aggressionen, sind enorm.

taz: Bloß müssten die Leute der SPD zutrauen, für Abhilfe zu sorgen. Wie will sie das hinkriegen?

Schulz: Politische Parteien sind dazu da, die Interessen der Menschen, die sie wählen, zu vertreten – und wenn sie sich in eine Koalition begeben und mit an der Regierung sind, müssen sie Kompromisse eingehen. Ich glaube, dass die SPD bei den letzten Koalitionsverhandlungen mit der Union ein hervorragendes Ergebnis erzielt hat, indem sie den Weg frei gemacht hat für massive Investitionen. Die 500 Milliarden für Infrastruktur, Klimaschutz und Kommunen werden zu nachhaltigem Wachstum im Land führen. Nun können wir leider einen Teil unserer Vorhaben nur zeitverzögert realisieren. Ein Grund dafür ist, dass die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika mit ihrem irrationalen Verhalten die Welt in eine Wirtschaftskrise stürzt. Aber das ändert nichts daran, dass die SPD in dieser Regierung auf dem richtigen Weg ist. Und davon werden wir die Leute überzeugen. Das war ja Ihre Frage.

taz: Genau. Die Frage war, wie das gelingen soll.

Schulz: Das ist ja ein Problem der Regierung insgesamt: Sie ist unpopulär, weil der Wunsch bei den Medien und in der Bevölkerung so groß ist, dass sie alle bestehenden Probleme möglichst sofort beseitigt. Der kann aber nicht erfüllt werden. Gerade angesichts dieser Ungeduld ist es wichtig, beharrlich und sachorientiert an Lösungen zu arbeiten, und diese dann auch so zu kommunizieren, dass die Leute verstehen: „Ah, darum haben die jetzt diese Maßnahme beschlossen.“



Bild: Michael Kappeler/dpa

Im Interview: Martin Schulz

70, Buchhändler, ist Vorsitzender der Friedrich Ebert Stiftung, war 2012 bis 2017 Präsident des Europaparlaments. Im März 2017 wurde er von einem Parteitag in Berlin mit 100 Prozent der Stimmen zum Bundesvorsitzenden der SPD und zum klar links profilierten Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl im selben Jahr gewählt.

taz: Und das stimmt Sie zuversichtlich für die Zukunft der SPD?

Schulz: Ja. Abgesänge hatte ich ja auch zu Beginn des Bundestagswahlkampf 2021 gehört – und am Ende hieß der Bundeskanzler Olaf Scholz. Da kann ich nur sagen: abwarten.

taz: Ein unbefriedigendes Mittel.

Schulz: Das kann ich aus dem Mund eines Journalisten verstehen. Aber für einen Politiker ist Geduld unverzichtbar. Die allermeisten Probleme kann man leider nicht über Nacht lösen.

taz: Nur, wo strebt die SPD so geduldig hin? In der Schröder-Zeit verfolgte sie das neoliberal-individualistische Ziel der Chancengerechtigkeit, seither gab’s immer wieder Versuche zur linken Tugend der Umverteilung zurückzukehren. Ist dieser Richtungsstreit entschieden?

Schulz: Die SPD hat 2025 bei der Bundestagswahl eine schwere Niederlage erlitten. Unmittelbar nach dieser Niederlage ist sie in eine Koalition eingetreten mit ihrem direkten Wettbewerber, um zu verhindern, dass in diesem Land Rechtsextremisten mitregieren. Das ist das allererste, was man mal feststellen muss: Die SPD hat sich in ihrer ganzen Geschichte immer in den Dienst der Demokratie gestellt. Das tun wir im Moment auch, und dafür kriegen wir kein Lob, im Gegenteil.

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Die Veranstaltung

„Die Zukunft der sozialen Demokratie in Deutschland und Europa“, Hildesheimer Finanz-, Wirtschafts- und Währungsgespräch mit Martin Schulz, Liebfrauenkirche Hildesheim, 18. Mai, 18.15 Uhr

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taz: Auch wenn es sie die Zukunft kostet?

Schulz: Wir sitzen in dieser Regierung, um die offene Gesellschaft und die pluralistische Demokratie zu schützen. Dass man das nach 25 Jahren im 21. Jahrhundert so sagen muss, zeigt, in was für einer dramatischen Lage wir uns befinden. In den Koalitionsverhandlungen musste die SPD harte Kompromisse machen. Gleichzeitig hat die SPD die Lockerung der Schuldenbremse durchgesetzt, eine heilige Kuh der Konservativen. Dadurch ist es jetzt möglich, enorme Summen in Infrastruktur, Bildung und den digitalen Ausbau des Landes zu stecken. Das ist sozialdemokratische Politik pur: durch Investitionen zu Wachstum zu kommen, was Arbeitsplätze sichert. Das ist die Grundlage für eine Gesellschaft, die für alle funktioniert. Darüber gibt es keinen Richtungsstreit in der SPD.

taz: Sondern?

Schulz: Die Frage, die sich uns stellt, ist: Wie können wir die pluralistische Demokratie stabilisieren? Und, daraus abgeleitet: Welche Ideen von gerechtem Zusammenleben stellen wir nach vorne, und wie erklären wir sie so, dass auch die Skeptischen sagen: Ja, so will ich unsere Gesellschaft auch! Daran arbeiten tagtäglich unsere Abgeordneten in Stadt, Land, Bund und Europa, unsere Regierungsvertreter und unsere Leute in der Partei. Ohne uns sähe das Land anders aus. Ohne uns würde heute vielleicht die AfD in diesem Land regieren. Sie tut es nicht. Darauf können wir stolz sein.

taz: Und diesen Stolz kommunizieren?

Schulz: Na das mache ich doch gerade.

  • informationsspiegel

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