Mehrwertsteuer in Indien: Süßes Popcorn wird deutlich teurer

W enn in Indien Steuerreformen verkündet werden, sind die Ohren gespitzt – diesmal besonders die der Liebhaber von Süßem. Denn die Regierung hat die Mehrwertsteuer auf karamellisiertes Popcorn auf 18 Prozent angehoben. Gesalzenes wird mit 5 Prozent besteuert – wenn es verpackt und etikettiert ist, gelten 12 Prozent. Die Regelung hat eine hitzige Debatte über die Logik des Steuersystems ausgelöst.

Chetan, der in der Filmindustrie in Mumbai gearbeitet hat, ist nicht begeistert. „Als ich gestern ins Kino gegangen bin, hat das Popcorn schon 450 Rupien (umgerechnet 5 Euro) gekostet und damit mehr als meine Kinokarte“, klagt er. „Jetzt soll es noch teurer werden.“ Die Mehrwertsteuer auf Popcorn sollte für alle Sorten gleich sein, meint er.

Er glaubt, dass der Verkauf von Popcorn zurückgehen könnte. „Wer will schon so viel ausgeben?“, fragt er. „Und was ist mit süß-salzigem Popcorn?“ Auch in der Familienrunde beim Kinobesuch zum Jahresende habe die Steuerüberraschung für Aufregung gesorgt. „Popcorn in Indien ist oft sehr experimentell in seinen Sorten“, sagt Chetan, „aber wir lieben Süßes“, die Steuer sei unfair.

Wie sich die Regelung auswirken wird, bleibt unklar. Manche Quellen geben Entwarnung für Kinobesucher: In der Gastronomie solle auch für süßes Popcorn der Satz von 5 Prozent gelten. Doch die Verwirrung hält an. Die Mehrwertsteuer wurde in Indien erst 2017 eingeführt und seitdem stetig ausgeweitet.

Absurdität von drei Steuersätzen für Popcorn

Lebensmittel mit Zucker sollten höher besteuert werden, verteidigte Finanzministerin Nirmala Sitharaman von der hindunationalistischen BJP die Entscheidung: „Wenn Popcorn jedoch mit Zucker versetzt ist (…), muss es als Zuckersüßware eingestuft werden.“ Nicht nur die Bevölkerung in Indien, einem der größten Zuckerproduzenten der Welt, runzelt die Stirn.

Auch die Opposition übt Kritik. „Die Absurdität von drei verschiedenen Steuersätzen für Popcorn hat einen Tsunami von Memes in den sozialen Medien ausgelöst“, sagte Jairam Ramesh, Sprecher der Kongresspartei. „Das bringt nur ein tieferes Problem ans Licht: die wachsende Komplexität eines Systems, das eigentlich eine gute und einfache Steuer sein sollte.“

Bilder zum heißen Thema kursieren im Netz: Personen knien vor Ministerin Sitharaman und reichen ihr Popcorntüten. Der Karikaturist Manjul kommentierte in seiner Kolumne „Mumbai Meri Jan“: „Es gibt keinen Grund, Hassrede zu versüßen, … sie könnte sonst eine höhere Steuer anziehen.“ Andere sprechen von missverständlich kommunizierter Politik.

Diese „Zuckersteuer“ habe den Charakter einer „Sündensteuer“, heißt es in der Filmstadt Mumbai, dem Zuhause von Bollywood. In Indien gehört Süßes zu feierlichen Anlässen. Dann heißt es „Muh meetha kar lo!“, was so viel bedeutet wie „Lass dir den Mund versüßen“. So verteilen auch Po­li­ti­ke­r:in­nen nach Wahl­siegen meist eines: Süßigkeiten.

Eine Frage der Priorität

„Am Ende trifft jede Erhöhung der Mehrwertsteuer hauptsächlich die Mittelschicht in Indien, die ohnehin schon hohe Steuern auf ihr Gehalt zahlt“, sagt Mustafa aus Mumbai.

Die Mumbaier Politikerin Pri­yanka Chaturvedi der Partei Shiv Sena (UBT) fragt sich, wo die Prioritäten in diesen Zeiten liegen, in denen „die Besteuerung von Popcorn eine wichtigere Diskussion ist als die Senkung der Steuern auf Kranken- und Risikoversicherungen“. Sie scherzt: „Ich hoffe, der Rat für Popcorn hat nicht die Absicht, andere Snacks wie Vada Pav und seine verschiedenen Geschmacksrichtungen der Mehrwertsteuer zu unterwerfen.“

Andere wundern sich: Die Luftverschmutzung in Mumbai ist auf Rekordniveau – und dann wird über Popcorn mit Salz, Käse und Karamell geredet. Die Diskussionen erinnern an eine Debatte vor zwei Jahren: Damals wurde beschlossen, dass das Fladenbrot Paratha, das aus „mehreren Zutaten“ besteht, mit 18 Prozent besteuert wird. Das Fladenbrot Chapati kam mit nur 5 Prozent davon. Eine Entscheidung, die Fragezeichen aufwarf – genau wie jetzt beim Popcorn.

  • informationsspiegel

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