Nach dem Anschlag in Schweden: Wirklich keine Hinweise auf ein ideologisches Motiv?

Härnösand taz | Am Dienstag soll Schweden innehalten. Eine Schweigeminute um 12 Uhr, um die Opfer zu ehren: Dazu hat die Regierung alle Menschen im Land aufgefordert. Eine Woche zuvor waren sieben Frauen und drei Männer in einem Zentrum für Erwachsenenbildung in Örebro erschossen worden.

Es dauerte Tage, bis alle Toten identifiziert waren. Dann war klar: Der Täter hatte Menschen unter anderem aus Syrien, Afghanistan, Bosnien und Eritrea getötet. Mehrere machten am Campus Risbergska eine Pflegeassistenzausbildung. Einer ließ sich als Raumpfleger ausbilden. Ein 48-jähriger Mann aus Syrien wollte in einem Sprachkurs sein Schwedisch verbessern.

Dessen Sohn gehört zu denjenigen, die überzeugt davon sind, dass es nicht zufällig diese Menschen getroffen hat. „Jahre mit einwanderungsfeindlicher Rhetorik“ hätten zu der Tat beigetragen, sagte der Sohn des ermordeten 48-jährigen Syrers gegenüber Dagens Nyheter. Diese Rhetorik könne Menschen, ob psychisch gesund oder krank, dazu ermuntern, Einwanderer anzugreifen. Er ist nicht der einzige, der die Politiker in Schweden mitverantwortlich macht.

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Für immer ein dunkler Tag in der Geschichte Schwedens

Premier Ulf Kristersson

Die Polizei sagt, dass das Motiv des Täters weiterhin unklar sei und vielleicht nie klar werden würde. Hinweise auf ein „ideologisches Motiv“ gebe es bislang keine. Doch von Rassismus betroffene Menschen in Schweden äußern sich beunruhigt und wütend – sodass die Regierung darüber nicht hinwegsehen konnte.

„Der 4. Februar 2025 wird für immer ein dunkler Tag in der schwedischen Geschichte sein“, sagte der schwedische Premierminister Ulf Kristersson bei einer Rede an die Nation am Sonntagabend. Er verstehe, dass die Tat auch ohne erwiesenes Motiv Sorge und Angst wecke, vor allem bei Menschen mit ausländischem Hintergrund. Viele berichteten, so Kristersson, von einem Gefühl besonderer Betroffenheit.

An die Hinterbliebenen gerichtet sagte Kristersson: „Ihr seid nicht allein. Ganz Schweden trägt die Trauer mit euch.“ Die Verantwortung für die Tat liege allein beim Täter, „aber die Verantwortung, euch zu helfen, zurück ins Leben zu finden, die übernehmen wir zusammen.“

Schwedische Medien waren schon am Tag nach der Tat sicher: Bei dem Mann, der zur Mittagszeit am Dienstag das Bildungszentrum für Erwachsene betrat und das Feuer eröffnete, handele es sich um einen 35-Jährigen aus Örebro.

Einen Tag später veröffentlichten sie auch den Namen: Rickard Andersson. Am Montagmorgen bestätigte nun die zuständige Staatsanwaltschaft gegenüber der schwedischen Tageszeitung Expressen, dass es sich um den Genannten handele.

Nach der Tat läuft auch eine Debatte um das Waffengesetz

Einsatzkräfte hatten den Mann eine Stunde nach dem ersten Notruf in dem weitläufigen Gebäude tot aufgefunden – mit drei Waffen, die er legal besaß, und leeren Magazinen neben sich. Rickard Andersson hatte sich nach Erkenntnissen schwedischer Medien schon als Jugendlicher aus jeglichem Sozialleben zurückgezogen. Nach einer als „normal“ geltenden Kindheit lebte er seit dem Auszug aus dem Elternhaus allem Anschein nach ein völlig isoliertes Leben.

Wovon er lebte, bleibt unklar. Er versteuerte seit Jahren kein Einkommen, bezog auch kein Arbeitslosengeld. Er hatte die Lizenzen für vier Jagdwaffen. Bestätigt ist inzwischen, dass er in der Vergangenheit in der betroffenen Einrichtung angemeldet war, wohl um seinen Schulabschluss nachzuholen, was aber nicht geschah.

Neben der Debatte um das Motiv für die Tat läuft auch eine um das Waffengesetz. Die liberal-konservative Regierung äußerte – parteipolitisch untypisch – gemeinsam mit ihrem rechtsextremen Kooperationspartner, den Schwedendemokraten, die Absicht, unter anderem den Zugang zu halbautomatischen Waffen wie dem Gewehr AR-15 zu begrenzen. Die Ankündigung der Parteispitzen sorgte sowohl innerhalb der Moderaten als auch der Schwedendemokraten für Unruhe.

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