Nach den Parlamentswahlen in Serbien: Ich atme anders

D er 25. Oktober 2026. Vorgezogene Parlamentswahlen in Serbien. Ein sonniger Tag. Voller Vorfreude und Hoffnung, aber auch Anspannung und Angst. Alles sehr intensiv, alles sehr widersprüchlich.

Es sind Schicksalswahlen in Serbien. Man könnte fast sagen – schon wieder. Es geht um eine zweite Chance für das Land.

Eine Studierendenbewegung, entstanden aus zwei Jahren Protest, ist zum wichtigsten politischen Herausforderer des Autokraten Aleksandar Vučić geworden. Als am 1. November 2024 das Vordach des gerade erst renovierten Bahnhofs von Novi Sad zusammenfällt und 16 Menschen in den Tod reißt, beginnt etwas, was dieses Land verändern wird. Denn damit hat auch der Letzte verstanden, was Korruption, Vetternwirtschaft und Rechtlosigkeit tatsächlich bedeuten. Sie können töten.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Am Abend verkündet Vučić im Fernsehen, dass der ganze Bahnhof, nur eben nicht das Vordach renoviert wurde. Eine nicht nur offene, sondern auch dreiste und empathielose Lüge.

Schlägertrupps gegen Studierende

Studierende fangen an, Trauerkundgebungen zu organisieren. Das Regime von Vučić hetzt Schlägertrupps auf sie. Nicht einmal, mehrfach. Zum Jahresende sind alle Fakultäten der vier Universitäten des Landes blockiert. Zahlreiche Großkundgebungen im ganzen Land führen am 15. März 2025 in Belgrad zum größten Protest in der Geschichte Serbiens. Alle Kundgebungen haben als zentralen Punkt Schweigeminuten, für jedes Opfer eine. Zunächst 15, dann leider 16.

Dieses kollektive Schweigen, über 16 lange Minuten, mit Zehntausenden oder, wie am 15. März, mit mehr als 300.000 anderen macht etwas mit einem. 16 Minuten sind lang. Hunderttausende Menschen sind enorm viele. Und es ist totale Stille. Kein Handy klingelt, kein Hund bellt, kein Baby weint. Es gab bei diesen Kundgebungen viele Kleinkinder, viele Babys. Nie hat in meiner Nähe auch nur eines gequengelt oder geweint. Diese Tatsache umschreibt vielleicht am besten die besondere Energie dieser Minuten.

Am 15. März entscheidet das Regime von Vučić jedoch, dass 12 Minuten genug sind und schießt mit einer illegalen Schallkanone in die schweigende Menschenmenge. Instinktiv rennen Menschen los. Eine tödliche Massenpanik kann nur durch die besonnene Reaktion vieler Protestveteranen verhindert werden. Viele Teilnehmer sind seit Jahrzehnten auf den Straßen Belgrads.

Danach ist nichts mehr, wie es war. Die Studierenden fordern nun vorgezogene Neuwahlen, Serbien erstickt im Sommer 2025 in Tränengas und Polizeigewalt. Nach vielen Jahren gibt es wieder Menschen im politischen Exil und Verhaftete. Monatelang sind Menschen aufgrund konstruierter Anschuldigungen im Gefängnis. Die Repression wird härter, offener.

Wahlen und wieder deutet alles auf Gewalt hin

Daher auch diese Anspannung am 25. Oktober – trotz deutlicher Anzeichen auf einen Sieg der Studierenden. Die Wahlbeteiligung ist enorm, und im Laufe des Tages wird immer klarer, dass das Unglaubliche möglich ist. Gegen Abend werden Hundertschaften von Polizeispezialeinheiten rund um die Zentrale Wahlkommission in Belgrad verlegt, zusammen mit Schlägertrupps, die ihr illegales Camp seit dem 15. März in einem öffentlichen Park neben dem Präsidialamt im Zentrum Belgrads aufgebaut haben.

Alles deutet auf Gewalt hin, wie in den Monaten zuvor. Um 20 Uhr schließen die Wahllokale. Die Anspannung steigt ins kaum Aushaltbare. 21.30 Uhr, Pressekonferenz von Vučić. Seine letzten Sätze gehen unter in einem allgemeinen Aufschrei der Erleichterung und in Jubel, der durch das geschlossene Fenster aus meiner Nachbarschaft zu hören ist. Er hat seine Wahlniederlage eingestanden. Die Polizei und die Schlägertrupps ziehen ab. Mit welchem Ziel sie überhaupt aufgefahren wurden, muss nun ermittelt werden.

Eine halbe Stunde später laufe ich lachend und weinend durch Belgrad, werde von fremden Menschen im gleichen emotionalen Ausnahmezustand umarmt.

Wir schreiben gerade Geschichte. Ich schreibe diese Art von Geschichte allerdings schon zum zweiten Mal. In der ersten Episode war ich selber Studentin und Teil des Studentenwiderstandes Otpor. Wir haben damals maßgeblich zum Sturz von Ex-Präsident und Diktator Slobodan Milošević beigetragen. So laufe ich also am 25. Oktober 2026 durch Belgrad und denke an den 5. Oktober 2000. Trotz aller Unterschiede ist es emotional sehr ähnlich.

Zwei Autokraten zu stürzen reicht erstmal

Ich atme anders. Es klingt vielleicht pathetisch oder banal, ist aber tatsächlich so. Dieses bedrückende Gefühl in der Brust ist plötzlich weg. Man atmet freier, wenn man einen Autokraten losgeworden ist. Es ist ein unfassbares Gefühl, aber zwei Autokraten zu stürzen, reicht mir fürs Erste.

Vor 26 Jahren war es der Studentenwiderstand Otpor, der 18 Oppositionsparteien zu einem Wahlbündnis gedrängt und dadurch einen Wahlsieg gegen Milošević erreicht hat. Das war die vorherige Schicksalswahl. Danach wurde der Studentenwiderstand sehr schnell aufgelöst, niemandem gefällt so eine mächtige Gruppe, als Kontrolle der eigenen Macht. Nur drei Jahre später wurde Zoran Đinđić, der erste demokratische Premierminister Serbiens, erschossen. Es schien, als wäre alles umsonst gewesen. Spätestens 2012 mit der Machtübernahme von Aleksandar Vučić, der sich vom serbischen radikalen Nationalisten über Nacht zu einem proeuropäischen Politiker gewandelt hatte, schien es nicht mehr nur so, es war sicher.

Es war schmerzhaft zu sehen, wie jemand, dessen politischer Ziehvater der verurteilte Kriegsverbrecher Vojislav Šešelj ist und der Informationsminister von Milošević während des Kosovokrieges war, international von allen hofiert wurde. Auch dann noch, als er Serbien zielsicher in eine Autokratie umwandelte, Pressefreiheit abschaffte, die Institutionen in den Dienst seiner Partei stellte und immer offener die Wahlen manipulierte. Nichts in diesem Land geschah ohne sein Wissen und seinen Segen.

Dieser anfangs aus taktischen Gründen geläuterte Nationalist Vučić zeigte sich strukturell immer offener. 2021 wurde der Ex-General Ratko Mladić, unter anderem für den Völkermord von Srebrenica, vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) rechtskräftig verurteilt – und sofort ging seine Verherrlichung los. In den staatlich gelenkten Medien und sehr aggressiv im öffentlichen Raum. Wandbilder mit seinem Konterfei wurden von Schlägertrupps bewacht, privaten Eigentümern wurde es nicht erlaubt, ihre Fassaden davon zu befreien.

Trotzdem Küsschen in Paris, aber auch Protest

Als Mladić dann ein Begräbnis mit staatlichen und militärischen Ehren in Belgrad bekam, entgegen der geltenden Gesetzeslage in Serbien, war die internationale Empörung und Überraschung plötzlich groß. Nur folgte daraus keine Kursänderung. Keine drei Tage später wurde Vučić vom französischen Präsidenten Macron in Paris mit Küsschen und Umarmung empfangen.

Es gab seit 2016 immer wieder Massenproteste, gegen Korruption bei Infrastrukturvorhaben, gegen korrupte und umweltschädliche Bergbauvorhaben, gegen Wahlbetrug, gegen die immer weiter ausufernde Gewalt. Es gab also bereits ein gutes Fundament der Mobilisierung. Aber dann kamen die Studierenden und haben Unmögliches möglich scheinen lassen. Sie sind mehrfach durch ganz Serbien gelaufen, tagelang. Um mit denen zu sprechen, zu denen bislang nur die staatliche Propaganda sprach.

Sie haben mit ihren Fahrrädern nicht nur Serbien durchquert, sondern sind bis nach Straßburg geradelt. Und sie haben einen Staffelmarathon nach Brüssel absolviert. Bei den Empfangsveranstaltungen für die Studis sind im ganzen Land immer wieder Tränen geflossen. Aber keine der Trauer. Es waren Tränen der Hoffnung, der Rührung, der Befreiung, und für viele aus meiner Generation auch Tränen des schlechten Gewissens, weil diese jungen Menschen nun etwas machen müssen, was wir nicht richtig zu Ende gebracht haben.

Sie haben aus den vorherigen, aus unseren Fehlern gelernt. Ihr Auftreten ist geschlossen mit einer basisdemokratischen Entscheidungsfindung, sie haben keine erkennbaren Anführer, und sie haben entschieden, selber Teil des Wahlprozesses zu werden. Die Studentische Liste wurde von ihnen aufgestellt. Auf ihr befindet sich kein Studierender, sondern Akademiker, Künstler, Landwirte, Aktivisten; insgesamt mehr als die Hälfte mit Doktortiteln. Die Studierenden streben nicht nach Macht, sondern nach dem Staat. Ihrem Staat, den sie zurückhaben wollen.

Einen zuvor nicht möglich scheinenden Schritt haben sie bereits erreicht – die absolute Mehrheit im Parlament.

Vor ihnen liegt ein schwieriger und langer Weg. In den vergangenen zwei Jahren haben sie sich bereits mehrfach die Füße blutig gelaufen. Und sind doch immer angekommen.

Aleksandra Tomanić, 47, ist Präsidiumsmitglied der Südosteuropa-Gesellschaft und Projektmanagerin bei Pro Peace. Sie lebt in Belgrad.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Rechtsextremer Anschlag in Frankreich: Behalten Sie Pengo Bossio Wangi in Erinnerung!
    • October 30, 2026

    Während die Proteste in Frankreich die Schlagzeilen bestimmen, geht ein rassistischer Terrorakt im Land unter. Das befeuert die Gewalt. mehr…

    Weiterlesen
    Kochen mit Körnern: Sesam, röste dich!
    • October 30, 2026

    Er ist der natürliche Booster für fades Essen: Sesam. Ob süß oder salzig – hier ein paar Ideen, was man mit ihm anstellen kann. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Rechtsextremer Anschlag in Frankreich: Behalten Sie Pengo Bossio Wangi in Erinnerung!

    • 1 views
    Rechtsextremer Anschlag in Frankreich: Behalten Sie Pengo Bossio Wangi in Erinnerung!

    Kochen mit Körnern: Sesam, röste dich!

    • 3 views
    Kochen mit Körnern: Sesam, röste dich!

    Neuer Substack-Boom: Wie eine Überdosis Brokkoli

    • 1 views
    Neuer Substack-Boom: Wie eine Überdosis Brokkoli

    Prämenstruelle dysphorische Störung: Zehn Jahre ohne Diagnose

    • 1 views
    Prämenstruelle dysphorische Störung: Zehn Jahre ohne Diagnose

    Quinn Slobodian über Trump und Big Tech: „Wir müssen herausfinden, was wir stattdessen wollen“

    • 1 views
    Quinn Slobodian über Trump und Big Tech: „Wir müssen herausfinden, was wir stattdessen wollen“

    Nach den Parlamentswahlen in Serbien: Ich atme anders

    • 2 views
    Nach den Parlamentswahlen in Serbien: Ich atme anders