W en Sie an die letzten Wochen in Frankreich denken, haben Sie vielleicht die Hunderttausenden Demonstrierenden vor Augen, die vielerorts die Straßen füllen; denken Sie an brennende Barrikaden und Polizist*innen, die gewalltvoll versuchen, ihre Vorstellung von Kontrolle zu bewahren. Vielleicht denken Sie auch an das brennende Rathaus in Limoges oder daran, wie Plünderer Luxuswaren aus Chanel-Filialen tragen. Aber Sie sollten auch an Pengo Bossio Wangi denken.
Der 26-Jährige wurde vergangene Woche bei einem Anschlag erschossen. Er war MMA-Amateur-Boxer und er war Schwarz. Vier weitere Personen wurden schwer verletzt. Darunter ein 11-jähriges Mädchen, sie hat laut ihrer Mutter ein Hidschāb getragen, acht Kugeln haben sie getroffen.
Auf Menschen wie sie hatte es Kevin T. abgesehen mit seiner rassistischen, islamfeindlichen Terrorattacke. Mit dem Auto ist der Täter durch die Gemeinden Trappes und La Verrière bei Paris gefahren, hat mit einem Maschinengewehr über Hundert Schüsse auf Passant*innen abgegeben und dabei gezielt Schwarze und arabische Menschen angegriffen. Bei ihm wurde ein Exemplar von „Mein Kampf“ gefunden, gegen ihn ermittelt nun die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft.
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Auch diese Ereignisse gehören zu der Frage, was da gerade in Frankreich passiert. Dem Anschlag geht ein gesellschaftliches Klima voraus. Rassistische Parolen, befeuert von der extremen Rechten, allen voran den führenden Politiker*innen des Rassemblement National (RN), haben zugenommen. Die Proteste sind nur eine neue Projektionsfläche, die Ressentiments in politischer Breite auszuleben.
Als wolle man die Augen verschließen
Nach Informationen der französischen Tageszeitung Le Monde soll Kevin T. angegeben haben, die geplünderten Ladenbesitzer von den Ausschreitungen am 17. Oktober rächen zu wollen. Die Sprache und Parolen der extremen Rechten werden die Debatten auch bis zur Präsidentschaftswahl prägen.
Trotzdem dominierte am Wochenende in den Medien die Frage, ob es bei den landesweiten Protesten, dem „Akt II“, erneut zu Ausschreitungen käme. Nur wenige schauen nach Trappes zu dem Attentat und den Hunderten Menschen, die sich am Samstag dort in Trauer versammelt haben, oder auf die zahlreichen Kundgebungen gegen Rassismus.
Als wolle man die Augen verschließen davor, wie tief Rassismus unsere Gesellschaft durchdrungen hat und den Rechtsruck prägt; ob in Deutschland oder Frankreich.
Nach den Ausschreitungen am 17. Oktober dominiert das Narrativ, die Einwander*innen und Menschen mit Migrationsgeschichte seien schuld. Zumal die extreme Rechte seit Jahren an der Erzählung vom Feind im Inneren arbeitet, den sie durch Migrant- und Muslim*innen definiert. Der Parteivorsitzende des Rassemblement National Jordan Bardella befeuerte den Rassismus immer wieder, nannte Trappes die „islamische Republik im Kleinen“. Der linke Bürgermeister der Stadt kritisiert, Trappes sei immer wieder zur Zielscheibe gemacht worden.
Das Kernversprechen
Wie gravierend die zunehmende Verbreitung von rassistischer Hetze ist, scheint immer noch nicht wirklich angekommen zu sein. So fährt der französische Präsident Emmanuel Macron noch am Freitag nach Trappes. Er nimmt das Attentat ernst, nennt es einen „rassistischen Terroranschlag“ und einen Wendepunkt für Frankreich, er will es wohl richtig machen – und versagt dann doch: Er erklärt in seiner Rede, es sei das „erste Mal, dass es einen Terrorakt gibt, der darauf abzielt, unsere Landsleute, unsere Kinder, aufgrund ihrer Hautfarbe oder der Religion, die man ihnen zuschreibt, zu töten“.
Damit verkennt er die Geschichte der rassistischen Gewalt in Frankreich. Zumal auch Politiker seines Lagers und Konservative immer wieder selbst Begriffe aus einer rechtsextremen Vorstellungswelt nutzen. Kommt einen auch mit Blick auf Deutschland irgendwie bekannt vor, nicht?
Die Narrative hängen zusammen, darauf müssen Medien achten, insbesondere angesichts der anstehenden Proteste von Gen Z regelt. Auch deutsche Politiker*innen, allen voran der CDU, haben sich der rassistischen Interpretation angeschlossen und auf die Proteste hierzulande projiziert.
Und natürlich bleibt die Sorge, dass das nur der Anfang war. Diese Gemengelage könnte sich bis zur Präsidentschaftswahl in Frankreich im April weiter zuspitzen; sodass Schwarze, Muslime und alle, die als solche gesehen werden, Angst haben müssen, vor zunehmender Feindseligkeit in der Sprache oder vor körperlicher Gewalt. Deshalb ist es nur richtig, die Proteste auch als antirassistisch zu begreifen und als Bollwerk gegen die extreme Rechte.
Es geht um das Kernversprechen der égalité, der Gleichheit, in jeder Hinsicht. Bei einer der Demonstrationen am Montag verspricht Benjamin Ball, einer der Organisatoren der Gelbwesten, dass bei den kommenden Demonstration, angefangen an diesem Sonntag, die „Feministinnen, Antirassisten (…) an der Spitze der Demonstrationen stehen werden“.






