Nach Tod des Kriegsverbrechers Mladić: Zwischen Mythos, Heldentum und Erleichterung

Der Tod des zu lebenslanger Haft verurteilten Generals Ratko Mladić hat in Serbien und in der bosnischen Republika Srpska heftige Reaktionen ausgelöst. Regierungsnahe Medien in Belgrad feierten ihn als „ewigen Befehlshaber“ und unerschrockenen Verteidiger des serbischen Volkes. Mladić war am Donnerstag im UN-Haftkrankenhaus in Den Haag gestorben.

In Banja Luka und anderen Städten der Republika Srpska kam es nach Mladić’ Tod zu Solidaritätsbekundungen. So lautet eine der Forderungen, Straßen nach ihm zu benennen. Der „Held des serbischen Volkes“ wird als historischer Feldherr beschrieben und ist das Symbol der Republika Srpska und ihres Selbstverständnisses. Mit seinem gewaltvollen Agieren hat er tatsächlich diesen Teilstaat erst möglich gemacht. Doch dass in diesem Teil Bosnien und Herzegowinas die Mehrheit der Bevölkerung vor dem Krieg keineswegs aus Serben bestand, wird von vielen Serben ausgeblendet.

Es war das Werk von Ratko Mladić und seinen Unterstützern, andere Volksgruppen wie Kroaten und Bosniaken (bosnische Muslime) dort zu vertreiben. Nur Serben sollten dort leben. Mladić hatte mit seinen Verbrechen die Republika Srpska geschaffen. Und diese wurde 1995 in Dayton sogar von der Staatengemeinschaft anerkannt.

Damit wurde Mladić zum Sieger des Krieges. Die Tatsache, dass der internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien ihn später wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen während des Bosnien-Kriegs von 1992 bis 1995 zu lebenslanger Haft verurteilt hat, wird in diesen Reihen nicht als historische Wahrheit akzeptiert.

Mladić soll jetzt mit einem pompösen Staatsakt in Belgrad begraben werden. Er wird nach dem Wunsch der Familie im Topčider Friedhof neben seiner Tochter Ana liegen. Sie soll 1994 auf dem Höhepunkt seiner Verbrechen Selbstmord begangen haben. Auch diese Geschichte wird bisher verschwiegen.

Radikale stilisieren Mladić zum Mythos

Serbische Medien und Politiker werfen den Ärzten in Den Haag vor, Mladić bewusst vernachlässigt zu haben. Zuvor hatte bereits der serbische Präsident Aleksandar Vučić vergeblich eine Entlassung Mladićs zur medizinischen Behandlung in einem Militärkrankenhaus gefordert. Seit Jahren hatte der Ex-General gesundheitliche Probleme und zuletzt mehrere Schlaganfälle erlitten. Die Bitte um Überführung nach Belgrad wurde abgelehnt. Mladić’ Sohn Darko hatte deshalb wenige Tage vor dem Tod seines Vaters von einem „stillen Mord“ gesprochen.

In Sarajevo und bei Opferverbänden wie den „Müttern von Srebrenica“ steht nach seinem Tod die Erleichterung im Vordergrund. Mladić habe seine Strafe bis zum letzten Tag im Gefängnis verbüßt. Er sei im Gefängnis gestorben und habe ein Leben in Schande beendet, heißt es dort. Aber Hass führe zu nichts, Hass zerstöre nur die eigene Seele. Sein Tod bringe die Ermordeten nicht zurück, öffne keine Massengräber und heile keine Familien.

Mladic’ Name ist untrennbar mit dem Massaker von Srebrenica im Juli 1995 verbunden. Bosnisch-serbische Truppen unter seinem Kommando stürmten die UN-Schutzzone und ermordeten rund 8.000 muslimische Männer und Jungen. Ihre Leichen wurden in Massengräbern verscharrt, viele später umgebettet, um die Verbrechen zu vertuschen. Das Massaker gilt als eines der schlimmsten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Emir Suljagić, Direktor der Srebrenica Memorial Organisation, befürchtet, dass mit dem Tod des Täters auch die Erinnerung an seine Verantwortung verdrängt wird. Andere Beobachter äußern die Sorge, serbische Nationalisten könnten mit ihrer Mobilisierung ihren anhaltenden Hass weiter ausleben.

So auch in Srebrenica. Jugendbanden fahren mit Drohgebärden an dem Friedhof der Opfer von Srebrenica vorbei. Bei Fußballspielen rufen serbische Fans gegenüber Nichtserben: „Messer, Draht, Srebrenica.“ Eindeutiger können die Anfeindungen nicht sein. Ratko Mladić’ Erbe ist auch mit seinem Tod noch lange nicht begraben.

  • informationsspiegel

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