
Auf eine Weise müssen wir sie für unsterblich gehalten haben. Und sie hat bis zum Ende alles getan, um uns in diesem Glauben zu halten. Hat uns wie immer Frühstück gemacht, wenn wir sie besuchten. Mit vielen Tassen Tee und der Zeitung und den Semmeln von der Hofpfisterei.
Die Abende wurden nicht mehr so lang, aber immer noch gab eine Geschichte die andere, eine Diskussion die nächste, leuchteten die Augen und die Stimme, wenn sie von ihrer Reise zum Akkordeonfestival in Kissingen erzählte, zu dem sie noch im Frühjahr gefahren war. Sie hatte mit dem Musizieren vor langer Zeit aufgehört, jetzt könne sie es nicht mehr, aber insgeheim, das war zu hören, spielte sie vielleicht doch mit dem Gedanken, es noch einmal zu versuchen, mit einem kleinen roten Instrument.
Unsterblich? Sie hätte gelacht und gesagt: „Schau’n wir mal.“ Auf jeden Fall hat sie uns – und sich – gesagt, dass sie in 14 Tagen wieder ins Kino gehen kann: „Jetzt ist mal Schluss mit der Husterei.“
Es angenehm machen. Den anderen und auch sich selbst. Zu allen gastfreundlich sein. Auch zu sich selbst. Antje war die toleranteste, weltoffenste, großzügigste Hedonistin. Sie verwöhnte und verführte ihre Autoren mit Sinn und allen Sinnen. So wurden sie zur Familie, zu ihrer Familie und auch zu vielen neuen, die sich bei Spaghettiessen an ihrer langen Wohnzimmertafel neu gebildet haben.
Salondame: Das konnte sie auch
Ganz am Ende des langen Flurs ihrer Wohnung, der vollgehängt ist mit Zeichnungen, Fotos, Bildern, Albernheiten und Dankeswidmungen, stehen auf dem Boden zwei große, lange verschollene Fotografien im Sepiaton. Antje, mit vielleicht fünfzig Jahren, all dressed up, geschminkt, weißer Blazer, in einem Sessel: die schöne Verlegerin als selbstbewusste Salondame. Das konnte sie also auch.
Scharfer Kontrast: Ein paar Meter weiter hängt dort seit Jahrzehnten der Comic „68er Veteranentreffen“: Chlodwig Poths fein gekritzelten langhaarigen und -bärtigen Figuren an Biertischen, die Überlebten einer Bewegung, die er selbst und auch Antje Kunstmann mitgeprägt haben. Sie hatte diese Liebe zur Selbstironie, zum Komischen, zur Weisheit in kleinen Dosen, zum schrägen Blick in Hinterzimmer der Weltgeschichte, zum Weltschmerz in homöopathischer Verdünnung oder auch zur Menschlichkeit in den Vorstädten der Hochkultur.
Antje war eine Frau in vielen Genres. Im Leben und, darum geht es hier, in ihrer Rolle als Verlegerin. Immer war ihr Programm eine Mischung aus Schön und Notwendig, Politisch und Privat, Humor und Realismus. Sie publizierte Bücher für Kinder und politische Pamphlete neben Dokumentationen, Romanen, wissenschaftlicher Lebenshilfe für Gesundheit und Gärten und auch Suppenrezepte, Comics, Karikaturen, Gedichte, etwa die von Marie Marcks und Robert Gernhardt.
Bücher, deren unverkennbare Gestaltung ihr so wichtig war wie die Texte darin. Bücher, aus denen sie etwas lernen konnte, das sie noch nicht weiß – ob nun die Sprache der Pflanzen oder die Ursachen der Finanzkrise von 2008. Bücher, die notwendig sind, aber die kein anderer macht, weil sie sich nicht gleich rechnen, oder, oft genug, weil es angeblich noch zu früh für sie ist oder gegen den politischen Trend, auch den linken.
Bände zum NSU-Prozess
Früh schon beschrieb Barbara Ehrenreich die Angst der männlichen Arbeiter und der Mittelschicht vor dem Absturz, diagnostizierte Mike Davies Urbanisierung und Klimawandel, veröffentlichte der leidenschaftliche Parlamentarier Hermann Scheer seine Kritik am real existierenden Parlamentarismus und seine Entwürfe einer solaren Weltgesellschaft. Aufklärung, die angeblich anachronistische: Daran hat Antje Kunstmann bis zuletzt geglaubt, auch, beispielsweise, mit den bodennahen Reportagen von Gabriele Goettle. Was einfach sein musste, das musste sich im Kunstmann Verlag nicht rechnen: exemplarisch die fünf dicken Bände zum NSU-Prozess, veröffentlicht beinahe in Echtzeit.
Die Mischung aus Notwendigem und Populärem, Heiterem und Sperrigem ermöglichte die Querfinanzierung. Und es ermöglichte Antjes Durchhaltevermögen mit schwierigen Autoren. Wer einmal hier veröffentlicht wurde, der konnte damit rechnen, auch die nächsten Bücher würden bei Kunstmann erscheinen. Wer Gegenwind bekam, der wusste: Sie bleibt an seiner Seite.
Als Unternehmerin blieb sie ganz Realistin. Sie hatte es by doing gelernt. Schon als Verlagspraktikantin im Frauenbuchverlag Weisman entwickelte die Pädagogikstudentin aus Bad Kissingen mit 21 Jahren eine Frauenbuchreihe, einen kleinen Emanzipationskanon für Studentinnen, Arbeiterinnen und „Hausfrauen“ in den verklemmten 70er Jahren. Kurz darauf übernimmt sie kurzerhand selbst den Verlag, damit er nicht Konkurs geht. Und steuert ihn erfolgreich durch vier Jahrzehnte, in denen die Branche mit vielem kämpfen musste: mit immer mehr Agenten und Auktionen, wachsender Marktmacht weniger großer Ketten, mit E-Books, Podcasts, Social Media und immer mehr Marketingaufwand.
Antje Kunstmann behauptete sich mit Stehvermögen, Trotz und Lust am Risiko. „Was soll sein?“ Realistin war sie auch darin, dass sie bei aller Leidenschaft loslassen konnte. Seit ein paar Jahren führt ihr Sohn Moritz Kürschner den Verlag und, so wie es aussieht, mit der Kunstmannschen Mischung.
In Fachgremien, Verbänden und Feuilletonredaktionen und in ihrer Heimatstadt München war sie beliebt und hoch anerkannt nicht obwohl, sondern weil das Programm des Kunstmann Verlags ziemlich deckungsgleich die literarischen Vorlieben, die Neugier und die politische Haltung der Verlegerin spiegelt. Wenn man die Verlagsprospekte der letzten Jahrzehnte durchblättert, in ihrer Vielfalt, aber auch in den Kontinuitäten, dann scheint ein ziemlich präzises und schönes Bild der Person Antje Kunstmann auf: neugierig in viele Richtungen, vom Gehirn bis zu den Sternen; den Menschen zugewandt, aber auch den großen Theorien; mit klarem Blick auf den Zustand der Welt, mit liebevollem auf Flora und Fauna.
Das Schöne und das Schlimme
Jemand, die gerne lacht. Sehr gerne. Die Kindern große Gedanken zutraut und Erwachsenen Albernheiten. Jemand, der wenig Menschliches fremd vorkommt und die alles Fremde neugierig macht. Jemand, die gleichermaßen gern mit einem Krimi ins Bett geht wie mit einer Abhandlung über die postfossile Chemie.
Es gibt Menschen, die umarmen das ganze Leben: das Schwarze und das Weiße, das Schöne und das Schlimme, das Kleine und das Gewaltige. Diese Menschen haben ein geheimes Reservoir, aus dem sie scheinbar anstrengungslos die Fähigkeit schöpfen, andere damit anzustecken. Solche Menschen gibt es nicht viele.
In einer alten E-Mail von Antje haben wir den Satz gefunden: „Wie hat mal Pit Knorr von der neuen Frankfurter Schule gesagt: Der Tod wird ab jetzt verboten! Wäre schön, wenn man das einfach machen könnte.“ Am 16. September ist sie in München gestorben.






