Nahost-Konflikt und Feminismus: Göttinnen des Gemetzels

V or dem Krieg in Gaza war der 8. März ein Tag kämpferischer Solidarität unter Flinta*. Heute ist er nur noch ein Schauplatz für das unerbittliche Gemetzel einer ideologisch zerrütteten feministischen Bewegung.

Gegenüber stehen sich zwei unversöhnliche Lager: Ein liberaler, westlicher, oftmals weißer Feminismus, der in seiner vermeintlich emanzipatorischen Haltung auch exklusiv ist und in seiner Extremform etwa Trans-Identitäten oder die Vereinbarkeit von feministischen Positionen mit dem Islam infrage stellt. Auf der anderen Seite eine jüngere queerfeministische Bewegung, die stark durch dekoloniale Kämpfe geprägt wurde.

Der Nahost-Konflikt wirkt wie ein Brennglas für die weltanschaulichen Gräben, die es in der Bewegung schon immer gegeben hat. Das eine Lager beschuldigt das andere, sexualisierte Gewalt durch die Hamas zu verharmlosen, während das andere eine rassistische Auffassung von Feminismus kritisiert, die sich nicht gegen jede Form der Unterdrückung richtet. Beidseitig – da ist man sich einig – lautet der Vorwurf: Doppelmoral.

Was bleibt? Ein orientierungsloser Scherbenhaufen. Daran lassen die Demo-Aufrufe für den diesjährigen feministischen Kampftag in Berlin keinen Zweifel. Unter dem Motto „Until total Liberation“ ruft die „Alliance of International Feminists“ zur Demonstration auf – gemeinsam mit Gruppen wie „Palestine at the Forefront“ und „Young Struggle“, die den Hamas-Terrorangriff auf Israel als „Gefängnisausbruch“ und „Widerstand“ bezeichneten. Ebenso einseitig palästinasolidarisch positioniert sich die kämpferische Abenddemo „Fight by Night“. Dem gegenüber steht das 2024 gegründete israelsolidarische 8.-März-Bündnis „Feminism Unlimited“, das zu einer Demo für „einen antifaschistischen und universellen Feminismus“ aufruft.

Doppelmoral auf beiden Seiten

Nur drei Tage vor der Demo erschien auf indymedia.de ein offener Brief eines ehemaligen Gründungsmitglieds von „Feminism Unlimited“, das dem Bündnis Queerfeindlichkeit, Transmisogynie, Feindlichkeit gegenüber Sexarbeitenden sowie antimuslimischen und antipalästinensischen Rassismus vorwirft. Das Bündnis sei von „antideutschen TERFs“ (Trans Exclusionary Radical Feminists) übernommen worden und „alle genderqueeren Personen und alle queerfeministischen Personen aus dem Bündnis herausgedrängt“ worden.

Im Demo-Aufruf von „Until total Liberation“ heißt es: „Wir stellen uns bedingungslos auf die Seite der Unterdrückten und der von ihnen gewählten Wege des Widerstands.“ Eine Formulierung, die die Massenvergewaltigungen, Geiselnahmen und Ermordung von jüdischen Flinta* durch die Hamas als legitimen Widerstand rechtfertigt. So weit, so antifeministisch. Und doppelmoralisch.

Im Aufruf der ebenso stark propalästinensisch positionierten Abenddemo „Fight by Night“ heißt es, „jegliche Länderflaggen“ seien verboten. Man wolle keine israelische Flagge sehen, so eine Sprecherin zur taz. Eine Ausnahme gibt es jedoch: Palästina-Flaggen sind willkommen. Denn – na klar – diese stünden nicht nur für einen Staat, sondern auch für eine „revolutionäre antiimperialistische Praxis“. Das gelte auch für Kurdistan- oder Rojava-Flaggen sowie für alle Flaggen „von unterdrückten Staaten“. Und welche Staaten als unterdrückt gelten, das entscheidet wer? Was ist mit Ukraine-Flaggen? Oder irischen?

Das israelsolidarische Bündnis zeigt sich ähnlich willkürlich: Die Or­ga­ni­sa­to­r*in­nen hätten sich gegen ein Verbot von Nationalfahnen gestellt, mit der Begründung, dass man jüdischen Menschen nicht verbieten könne, eine Israel-Fahne zu tragen. Palästina-Fahnen und Küfiyas hingegen, sollten verboten werden.

Flinta* geraten über den Nahost-Konflikt in den Hintergrund

Während die Bewegung über willkürliche Symbolpolitik und unterdrückte Staaten streitet, geraten diejenigen in den Hintergrund, um die es am 8. März eigentlich gehen sollte: die unterdrückten Flinta* – auf beiden Seiten.

Einen intersektionalen Ansatz zu verfolgen, der Antiimperialismus und Kolonialisierung mitdenkt, ist legitim. Aber Intersektionalität darf nicht selektiv sein und auf Kosten jüdischer Flinta* gehen. Intersektionalität bedeutet zudem, keine Hierarchie der Unterdrückung aufzumachen. Doch genau das passiert: Anstatt gegen jede geschlechtsspezifische Gewalt zusammenzustehen, wird die sexualisierte Gewalt auf beiden Seiten infrage gestellt, relativiert und geleugnet und das Leid der Frauen und Mädchen in Israel und Gaza zu einem Wettbewerb.

Intersektionalität bedeutet schließlich auch die Gleichwertigkeit aller Kämpfe, nicht die Dominanz eines Themas über den feministischen Kampf. Doch derzeit wird der Nahost-Konflikt zum Gradmesser für Zugehörigkeit oder Ausschluss innerhalb der feministischen Bewegung. Statt sich über gemeinsame Ziele zu verbinden und sich zusammen am 8. März die Straße zu nehmen, arbeitet sich die Bewegung an ideologischer Reinheit ab und blockiert so jede Form der Zusammenarbeit.

Indem der Nahost-Konflikt die Agenda der 8.-März-Demos beherrscht, wird letztlich bewusst in Kauf genommen, dass sich weniger Menschen am feministischen Kampftag beteiligen. Viele, die sich dem Kampf gegen das Patriarchat anschließen wollen, fühlen sich durch die gewaltverherrlichende Rhetorik mancher Gruppen, die auf queerfeministischen Demos Sprechchöre, wie „Yallah, Yallah, Flintifada!“ (Flinta* und Intifada) anstimmen, unwohl und ziehen es vor, den Demos fernzubleiben.

Die Zerfleischung der Bewegung ist ein Trauerspiel. Die Logik der Feindschaft, die sich entwickelt hat, ist genauso selbstgerecht, wie destruktiv und stärkt nur eins: das Patriarchat. Denn feministische Solidarität ist eine Bedrohung für das patriarchale System. Also Flinta*: Lasst uns zusammenreißen und diese Bedrohung entfalten!

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