Neuer München-„Tatort“: Krieg spielen in schräger Kulisse

D as ist doch mal was für den nächsten Partysmalltalk: Es gibt Leute, die spielen Krieg – als Minijob. Auf bestimmten Truppenübungsplätzen werden nämlich manchmal Personen gesucht, die während Kampfübungen in einem Attrappedorf leben und dort die Zivilbevölkerung mimen. Keine Frage, dass das nach einem Filmdrehbuch schreit.

Der Job heißt „Civilian on the Battlefield“, kurz COB, und Drehbuchautorin Dagmar Gabler hat so was mal auf der US-Base Hohenfels in der Oberpfalz mitgemacht. Inspiriert von der Erfahrung hat sie einen „Tatort“ geschrieben, der in diese Parallelwelt mitnimmt.

Zwei COBs werden ermordet. Die eine Leiche liegt im Base-Gelände, die andere draußen. Kommissar Batic (Miroslav Nemec) geht im Rollenspieldorf undercover. Um ihn herum entfaltet sich eine Welt aus skurrilen Gestalten, denen man ansieht, dass sie entweder hochschrullig oder aber hochgefährlich sind. Als Set-up ist das außergewöhnlich, schräg und spannend.

Was motiviert Leute, sich für so was zu melden? Faszination für Gewalt? Bewältigung? Spaß am Platzpatronenhagel? Sonst nichts im Leben, auf das man sich freuen kann?

Wochenlange Übung

Ja, alles das, sagt Gabler und bevölkert ihr Dörfchen mit Waffenfreaks, Kontrollzwänglern, Spielsüchtigen und Kriegstraumatisierten. COBs kriegen eine „neue Identität“ zugewiesen, die sie während der wochenlangen Übung darstellen.

Sie sind also keine Statisten, die mal kurz für eine Szene in eine Rolle schlüpfen. Die Chance auf ein ungesundes Maß an Identifikation ist groß. Gefährlich, wenn etwa einem Choleriker die Rolle „Polizist“ zugeteilt wird. In so einer klaustrophobischen Welt diesen angeknacksten Nerds dabei zusehen, wie sie anfangen, einander immer mehr aufzureiben, bis der Drang zur Gewalt sich Bahn bricht – das verspricht dieser „Tatort“. „Herr der Fliegen“ trifft „Das Experiment“. Genuss aus Schütteln und Ekel. Oder ein scheibchenweises Sezieren von Menschenbildern.

Leider hat der Film einen tragischen Fehler, nämlich dass er ein „Tatort“ ist. Kreuz und quer zu dieser Handlung funkt nämlich der übliche Ermittlerplot. Jedes Mal, wenn die Szenen im COB-Dorf gerade klaustrophobische Spannung und Endzeitgrusel entwickeln, schalten wir nach draußen, wo irgendein KTU-Bericht gehört oder Zeuge befragt werden muss: zu einem Mord, den es nun mal braucht, weil es ja ein „Tatort“ ist, der aber so egal wirkt, dass man mehrfach vergisst, wer nun eigentlich noch mal tot war. Im deutschen Fernsehen muss ein Film, der kein Liebesfilm und keine Komödie ist, ein Krimi sein.

Und so fantasievoll das COB-Drama zusammengesetzt ist, so pflichtschuldig wirkt der Krimi da drumherumgestellt. Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) kriegt eine steife Buddy-Comedy mit der US-Kollegin (Yodit Tarikwa). Die dürfen sich dann zur Halbzeit in eine Ethikdebatte verwickeln, die nirgendwo hinführt, während sich der Fall dank praktisch in die Landschaft platzierter Hinweise von alleine löst. Am Ende bleibt für das „Kriegs-Rollenspiel-Dorf“ fast kein Platz, für die Figuren keine Tiefe. Alles versinkt knieflach im Hundsgewöhnlichen der „Tatort“-Rahmenhandlung.

München-„Tatort“ „Charlie“

So., 2. März, 20.20 Uhr, ARD

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Nun gibt es sicher genug Batic-Leitmayr-Fans, die es trotzdem gerne sehen, wie die zwei sich hier in ihrem 96. Fall durch eine originelle neue Szenerie brummeln. Für das Potenzial der Story dagegen fühlt sich der „Tatort“-Rahmen an wie ein Knast.

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