Neuer Roman von Asako Yuzuki: Wie der Nilbarsch so der Mensch

Erikos Besessenheit fällt beim Lesen zunächst gar nicht auf. An diesem Morgen kommt sie wieder einmal extra früh ins Büro des Handelsunternehmens in Tokio, in dem sie eine angesehene Position zwischen lauter Männern bekleidet. Sie holt ein Melonpan, ein Hefegebäck, aus ihrer Tasche, setzt sich damit vor ihren Computer und öffnet das „Tagebuch einer nutzlosen Ehefrau“ der Bloggerin Shoko. Ein Kollege findet Erikos Verhalten „unheimlich“.

Damit hat er nicht Unrecht, wie sich bald darauf zeigt. Und im Rückblick bekommt die geschickt gezeichnete Anfangsszene im Roman „Tokyo Girls Club“ von Bestseller-Autorin Asako Yuzuki eine ganz andere Bedeutung: Das Gebäck ist nicht irgendein Gebäck. Shoko, die Hausfrau, hatte es in ihrem Blog erwähnt, woraufhin Eriko es in mehreren Bäckereien suchte, um zu schmecken, was Shoko schmeckt. Eriko liest den Blog nicht einfach, sie studiert ihn akribisch, erfasst, was Shoko isst, wo sie einkauft und einkehrt. Und macht es ihr nach.

Denn Eriko ist eine Stalkerin. Und das nimmt im Laufe des Romans immer groteskere Züge an. Als Eriko Shoko scheinbar zufällig in ihrem Lieblingscafé trifft, ist diese zunächst ganz angetan, dass eine schöne, kluge Frau aus besserem Hause sich für sie interessiert. Und sie vielleicht endlich eine Freundin gefunden hat.

Doch ab und zu essen gehen, sich langsam kennenlernen und Vertrauen aufbauen – für Eriko dauert das viel zu lange. Nach dem ersten Treffen sieht sie in Shoko bereits eine Seelenverwandte – gleichzeitig aber auch ihre größte Rivalin, weil Frauen aus Erikos Sicht nicht einfach nur Freundinnen sein können, sondern immer in Konkurrenz zueinander stehen.

Kannibalen wie wir

Asako Yuzuki hat für Erikos Verständnis vom Frauenfreundschaften eine Metapher gefunden, so unerwartet wie passend. Eriko soll beruflich den Nilbarsch, auch Viktoriabarsch genannt, in Japan neu vermarkten. Der im Fokus des Dokumentarfilms „Darwins Alptraum“ stehende Fisch aus dem Jahr 2004 ist deshalb ein Schreckgespenst, weil er alle anderen Arten um sich herum verdrängt – und am Ende auch die eigene Art kannibalisiert. So sei es auch bei den Menschen, meint Eriko: „Auch wenn zwei Menschen, die sich ähnlich waren, einander näherkamen, würden sie sich irgendwann gegenseitig zerstören.“

Weltberühmt wurde Yuzuki 2023 durch ihren Roman „Butter“, der in Japan erst nach „Tokyo Girls Club“ erschien und mehrere Preise gewann, unter anderem den British Book Award. In beiden Büchern, übersetzt von Ursula Gräfe, die auch Haruki Murakamis Werk ins Deutsche übertragen hat, schreibt Yuzuki von Freundschaft, der Rolle von Frauen in der japanischen Gesellschaft – und von Essen. Für die in „Butter“ erwähnten Gerichte finden sich sogar Fan-Webseiten, auf denen die Rezepte nachzulesen sind.

Im nun erschienenen Roman „Tokyo Girls Club“ lässt Yuzuki ihre Protagonistinnen auf dem schmalen Grat zwischen ehrlich gemeintem Interesse und Besessenheit balancieren. Sie tariert Nahbarkeit und Privatsphäre sowohl auf Social Media als auch im realen Leben aus. Und schreibt von Einsamkeit, Distanz und der Sehnsucht nach Verbindung, immer abwechselnd ein Kapitel aus der Perspektive von Eriko, dann wieder eines aus der von Shoko.

Eriko wählt schließlich den Weg der Erpressung und zwingt Shoko, ihre Freundin zu werden. Die eine verliert ihren Job, die andere ihren Blog und ihren Ehemann. Bevor sich beide jedoch wie die Nilbarsche gegenseitig zerstören, kappen sie ihre Verbindung. Shoko entdeckt sogar eine neue Gefühlsregung: „In diesem Moment setzte bei ihr eine für sie sehr ungewöhnliche Gehirntätigkeit ein“, schreibt Yuzuki auf den letzten Seiten des Romans. „Sie versetzte sich in andere Menschen hinein.“ Shoko entdeckt die Empathie – und findet damit einen Weg zurück zu ihrer Familie.

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Asako Yuzuki hat sich mit „Tokyo Girls Club“ – im Original heißt der Roman übrigens „Der Nilbarsch-Frauen-Club“, was passender ist, aber sperriger – ein ungewöhnliches Sujet vorgenommen. Stalking ist eher selten Thema in der Literatur. Hinzu kommt, dass Täter, zumindest in Deutschland, den Statistiken zufolge meistens Männer sind, die Frauen belästigen. Yuzuki befasst sich mit Stalking im Kontext von – ersehnter – Freundschaft. Auch wenn Yuzuki das Nachstellen klar als falsch charakterisiert, zeichnet sie die Beweg- und Hintergründe der beiden Frauen nach. Und die haben ihre Ursprünge nicht nur, aber auch in der patriarchalen Gesellschaft Japans.

Asako Yuzuki: „Tokyo Girls Club“. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Verlag Blumenbar, Berlin 2026, 383 Seiten, 24 Euro

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