NS-Zwangsarbeit auf Sportanlagen: Fußballplätze des Gedenkens

Berlin taz | Die Zahl von 170 Fußballplätzen sei groß, sagt Julian Krings, aber „da sind längst nicht alle Standorte verzeichnet“. Krings ist Historiker und zusammen mit Tina Schröter und Bastian Satthoff hat er zwei Jahre lang zu „Fußballplätze und Zwangsarbeit“ geforscht. Es geht etwa um Sportarenen, in denen das NS-Regime Zwangsarbeit verrichten ließ. Meist mussten die Menschen für die Rüstungsindustrie arbeiten. Eingerichtet wurden die Orte vor allem ab den Jahren 1942/1943, aber: „Vereinzelt gab es auch schon Plätze, die ab 1939 für Zwangsarbeit genutzt wurden“, wie Bastian Satthoff berichtet.

Herausgekommen bei der Recherche ist eine bemerkenswerte Website (www.jubel-unrecht.de), deren Launch am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. „Orte des Jubels“ und „Orte des Unrechts“, diese Titel erscheinen im Wechsel, wenn man die Website aufruft.

Das Thema wirkt immer noch recht ungewöhnlich, schließlich ist es nicht nur die offizielle Geschichtswissenschaft in Deutschland gewesen, die sich jahrzehntelang nicht mit Fußball beschäftigt hat. Auch der offizielle Sport hat Informationen zu seiner Verwicklung in Krieg und Holocaust an sich abperlen lassen. „Immer wurde so getan, dass der NS den Sport instrumentalisierte, als habe der Sport damit nichts zu tun“, sagte Veronika Springmann. Dagegen hält die Leiterin des Sportmuseums Berlin, dass es ein „aktives Dabeisein des Sports“ gab.

Ein geschichtswissenschaftlich vergleichsweise neues Thema wie dieses bietet auch Chancen. Das Team von Krings, Satthoff und Schröter hat von Beginn an auf Partizipation der User und Userinnen gesetzt. Wer Informationen hat, auch wenn sie sich nur auf Details beziehen, kann sie auf der Website teilen. Viel Material liegt zu teils bekannten Stadien vor, etwa zum Volksparkstadion des Hamburger SV, wo ab 1943 italienische Zwangsarbeiter geknechtet wurden.

Engagement für die Erinnerung

Die Einladung an Fans kleiner und großer Vereine, ihr Wissen zu teilen, hat zur Folge, dass es auch „Grenz- und Verdachtsfälle“ gibt, wie Julian Krings sagt. Fälle also, bei denen es Recherchebedarf gibt.

Auch Vereine machen mit, zumindest teilweise. Das Team berichtete etwa von guter Zusammenarbeit mit dem Hamburger Klub SC Teutonia 10 und auch mit dem VfL Osnabrück. Nicht nur der Verein, auch eine Gruppe von VfL-Ultras sammelte etwa Geld für eine Gedenkstätte.

In Osnabrück liegt in gewisser Weise der Anfang des Forschungsinteresses. Als für den VfL ein neuer Standort für die Jugendarbeit erschlossen werden sollte, stießen Fans, der Klub und Historiker darauf, dass genau dies früher ein Ort der Zwangsarbeit war.

„Historisches Vorwissen ist nicht erforderlich“, erklärt Michael Gander von der Gedenkstätte Gestapokeller und Augustaschacht in Osnabrück. Vielmehr lädt dieser Onlineauftritt erst einmal zur Beschäftigung mit dem Thema ein. Das Format ermöglicht es, historische Dokumente zu präsentieren, Zeitzeugen-Interviews werden etwa via künstlicher Intelligenz eingesprochen, mit der Bildsprache der Graphic Novel werden die historischen Abläufe visualisiert, und dann ist da noch Alma.

Mit Push-up-Nachrichten führt die fiktive Person die Kommunikation, gibt Usern und Userinnen Aufgaben, etwa Fotos zu suchen, und vor allem gibt sie auf konkrete Fragen fundierte Antworten.

Leerstellen der Erinnerung

Zugleich verhehlen die Macher und Macherinnen keineswegs, dass vieles an Wissen zu ihrem Thema noch nicht gestemmt wurde. Nicht nur der Öffentlichkeit ist vieles noch unbekannt, sondern auch der Geschichtswissenschaft und den Vereinsarchivaren, die es in fast jedem Klub gibt.

Und genau hier soll die Form Website eine Chance sein. Michael Gander, der sich in Osnabrück schon lange mit dem Thema beschäftigt hat, meint, der Onlineauftritt sei eine Chance, die Ergebnisse zu veröffentlichen. Zudem bietet er die Chance, nicht nur ein Feedback zu bekommen, sondern auch die Expertise von Fans zu nutzen.

Wenn das Konzept funktioniert, sind auf diese innovative Weise weitere und vertiefende Projekte denkbar. „Sportstätten als Verbrechensorte“ nennt Michael Gander als Beispiel. Das hat es nicht nur in Deutschland gegeben, sondern etwa auch in von Deutschland besetzten Ländern, den Niederlanden oder Polen. Historisch ist es weitergegangen, wie sogenannte Folterstadien in Chile oder Argentinien eindrücklich zeigen.

  • informationsspiegel

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