Ob Männer- oder Frauenfußball: Deutscher Nationalstolz ist immer gefährlich

D ie DFB-Vizepräsidentin Sabine Mammitzsch sagte am vergangenen Mittwoch im Deutschlandfunk über die deutsche Nationalmannschaft der Frauen: „Wir stehen für all das, was manchmal der Jugend oder überhaupt Deutschland abgesprochen wird, Moral, Kampf, Teamgeist, Leidenschaft.“ Man könne, sagte sie, deshalb nur stolz auf diese Mannschaft blicken. Sie wusste zudem zu berichten, was das Team ausmache, nämlich „der unbedingte Wille, die Leidenschaft, die Emotion, der Teamgeist.“ Vor allem die Leidenschaft „für die Nation zu spielen“ schien die Funktionärin zu beeindrucken.

Am Abend dann verlor dieses Team gegen Spanien und steht am Sonntag somit nicht im Finale gegen England. Aber der Schaden ist trotzdem angerichtet. Denn nach all den Jahren der Schande, die die Männer über das Land gebracht haben, sorgten in den vergangenen Wochen die Frauen für ein Deutschlandgefühl, dass zwischen Stolz, Freude, Glück und Euphorie keinen Platz mehr für etwas anderes lässt: Unwohlsein. Denn Frauenfußball hin oder her: Es ist immer noch Deutschland. Das schienen einige komplett vergessen zu haben. Warum eigentlich? Weil es ja „nur“ Frauen sind?

Die antinationalen Abwehrreflexe der Linken, über Jahrzehnte relativ funktionstüchtig, wenn die deutsche Nationalmannschaft der Männer spielt, wurden entsorgt wie Thomas Müller bei Bayern München. Schlimmer noch: Der eigentlich gefestigte Schwarz-Rot-Gold-Ekel wich einem koketten Patriotismus feministischer Note, denn – so die Argumente der neuen Jubel-Deutschen – das seien doch jetzt die Guten. Keine homophoben Proll-Männer mit Runen-Tattoos und ausdifferenziertem Alkoholproblem. Sondern Frauen. Sympathisch. Authentisch. Tragen sogar die Regenbogen-Binde. Haben doch auch lange auf diese Form der Anerkennung gewartet.

Doch was nach Fortschritt aussieht, ist in Wahrheit Regression. Eine Normalisierung nationaler Identifikation, flankiert von Popfeminismus, Regenbogen-Binde und Wohlfühlästhetik. Und die Rechten jubeln, denn seit Jahren suchen sie nach einem neuen, unverfänglichen Vehikel für ihren Heimatstolz. Hier ist es: Die Frauenmannschaft. Endlich wieder Deutschland, fast ohne Schwarze! Sie sind weiß und blond, kaum eine hat einen Migrationshintergrund, sie hören gerne deutsche Schlager und singen die Nationalhymne – nicht so wie seinerzeit Teile der deutschen Mannschaft, die ja vor allem aus Vaterlandsverrätern wie Mesut Özil bestand.

Alles ist erlaubt, weil es diesmal nicht toxisch ist

Dabei bleibt das Grundproblem gleich: Nationalismus ist keine Frage des Geschlechts. Flagge bleibt Flagge, egal wer sie trägt. Die Ignoranz macht die Sache sogar noch gefährlicher. Wenn sich jetzt ausgerechnet auch angebliche Linke beim Public Viewing in Deutschlandtrikots zeigen, haben sie nicht verstanden, was 2006 schon falsch war – und was 2025 noch viel falscher ist. Denn diesmal passiert es mit Zustimmung der progressiven Öffentlichkeit. Wer jetzt nicht jubelt, ist sexistisch. Wer Kritik übt, ist ein Miesmacher.

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Das Drumherum, das mediale Aufpumpen, das kollektive Fahnenschwenken, das ist der eigentliche Skandal. Denn so wurde die EM 2025 zur nationalen Katharsis. Alles ist erlaubt, weil es diesmal nicht toxisch ist. Weil es nicht Männlichkeit, sondern Gleichstellung repräsentiert. Aber die Botschaft lautet noch immer: Deutschland über alles. Im Zweifel auch über den politischen Verstand.

Es ist eine bekannte Dialektik, die hier wirkt. Adorno und Horkheimer haben bereits in der „Dialektik der Aufklärung“ gezeigt, wie schnell die Aufklärung selbst in Mythologie umschlagen kann. Der scheinbar emanzipatorische Moment wird zur Bühne der Regression, der neue deutsche Feminismus wird so zur nationalen Selbstvergewisserung. Die Kritik an autoritären Strukturen weicht der Affirmation eines Staates, dessen Geschichte alles andere als unschuldig ist.

Gerade deshalb – weil Deutschland nicht ist wie andere Länder –, ist auch der deutsche Nationalstolz kein neutraler. Er ist immer kontaminiert, immer rückschrittlich, immer gefährlich. Wer das vergisst, macht sich mitschuldig, weil Geschichte sich nicht wegemanzipieren lässt. Deutschland kann man nicht lieben, und die Sehnsucht danach, es doch irgendwie zu tun, ist eine Kapitulation. Eine Flucht in die nationale Normalität, die es für dieses Land nie geben darf.

Wir erleben die Re-Nationalisierung über den Umweg der Liberalität. Man darf wieder deutsch sein, weil man dabei nett ist. Weil man pseudofeministisch Frauen bejubelt. Weil man doch ohnehin gegen Rechts ist. Die Rhetorik der Leistung, der Herkunft, des Stolzes aber bleibt dieselbe, nur die Verpackung ist eine andere. Nicht weniger nationalistisch, nur schwerer zu kritisieren. Der alte Nationalismus hat sich ein neues Gesicht zugelegt, aber dahinter steckt dieselbe Nation. Dieselbe Geschichte. Dieselbe Gefahr.

  • informationsspiegel

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