Paderborn in der 1. Bundesliga: Erstklassig ist relativ

In Paderborn steppt normalerweise kein Bär. Eine katholische Ernsthaftigkeit scheint wie Orgelklang aus dem Dom in die ostwestfälische Stadt hinauszudringen. Vom schmucklosen Bahnhof läuft man eine schmucklose Straße hinunter. Irgendwo ist eine Innenstadt. Dort kann man immerhin ein paar reizende Weserrenaissancefassaden sehen, etwa am historischen Rathaus.

Anlass zu starken Gefühlen wie jetzt, wo die Männermannschaft des örtlichen Fußballvereins in die erste Bundesliga aufsteigt, gibt es selten. Oder bekommt man einfach nichts mehr mit, wenn man einmal weggezogen ist?

Zuletzt machte die Stadt, in deren Mitte die Pader der Erde entspringt, jedenfalls wegen eines Tornados, der die alten Bäume im Paderquellgebiet umwarf und über 40 Personen verletzte, größere Schlagzeilen. Wer sich für Frauengesundheit interessiert, begegnet dem Ort als Negativbeispiel. Denn in Paderborn wohnen zwar mehr als 150.000 Menschen. Aber für eine verlässliche Infrastruktur, in der Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden, reicht es nicht.

Das Sehenswerte vor Ort hat es nicht eilig: Ausgrabungen der Kaiserpfalz Karls des Großen und andere erzbistümliche Schätze sind auch nächstes Jahr noch da. Das weltgrößte Computermuseum im Heinz Nixdorf Forum auch. Das Gleiche gilt für das Stadtfest Libori, benannt nach dem Schutzpatron Paderborns, dem heiligen Liborius. Er gilt als Nothelfer für Gallenleiden. Ein Helfer in der Bitterkeit. Das passt ganz gut.

Auf dem trockenen Boden der Tatsachen

Einer nicht wissenschaftlich geklärten These zufolge liegt die etwas griesgrämige bis verbittert wirkende Paderborner Mentalität am schlechten Boden. Außen herum liegt im Osten der dunkle Boden der Warburger Börde. Im Norden liegt die satte Erde Niedersachsens, auf der sogar Zuckerrüben gedeihen, das Gold der Landwirte. Rund um Paderborn aber gibt es nur mäßigen Boden.

Die Annahme klingt nicht einmal unplausibel: Über Jahrtausende der Besiedlung könnte sich eine gewisse Bitterkeit in die Menschen eingeschrieben haben, weil sie mit der gleichen Arbeit regelmäßig eine kleinere und weniger wertvolle Ernte einfahren konnten als die Warburger oder die Südniedersachsen.

Wenn Experimente in einer agrarischen Gesellschaft die Existenz bedrohen, hält man an dem fest, was funktioniert. Vielleicht kann gerade diese Stadt deshalb die süßen Früchte der sportlichen Arbeit ihres Fußballvereins besonders genießen. Endlich sprießt was! Die harte Arbeit hat sich mal gelohnt.

Bei Heimspielen erinnert die Torhymne des SC Paderborn ans alte Heidestadion im Stadtteil Schloß Neuhaus, das nach dem „Heidedichter“ Hermann Löns benannt war: „Hermann Löns, die Heide brennt!“ Ohne tieferes Verständnis des Werks von Hermann Löns vortäuschen zu wollen: Der Mann gilt als Sexist, Rassist und Antisemit.

Inzwischen gibt es ein neues Stadion, doch auch das ist eher bescheiden. „Es passen nur 15.000 Leute rein, es wird immer ausverkauft sein“, prophezeit ein in Berlin lebender Anhänger des Vereins. Lino Brandi wird sich eine Dauerkarte besorgen und regelmäßig für diese Spiele nach Hause fahren, den ganzen Weg bis Bielefeld im ICE, dann mit der Regionalbahn bis Paderborn. Warum tut man sich das an? „Weil man es so lange durchgezogen hat, dass man nicht mehr rauskommt aus der Nummer.“ Das ist sie, die Paderborner Mentalität.

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