Die Fälle Pelicot und Fernandes: Die Rückkehr der Ur-Horde

S o wie das Normale historisch ist, sich also mit der Gesellschaft verändert, so ist es auch mit dem, was als Abweichung gilt: Perversion meint nicht immer dasselbe. Das bedeutet, dass es heute neue Formen von Perversion gibt.

Das hatte schon der Fall Pelicot sichtbar gemacht. Auch die Vorwürfe im Fall Collien Fernandes/Christian Ulmen werfen – bei allen Unterschieden – ähnliche Fragen auf. Ob eine Ehefrau real anderen Männern ausgeliefert wird oder ob, wie im Fall Ulmen vorgeworfen, ihre Identität virtuell missbraucht worden sein soll: In beiden Konstellationen stellt sich die Frage, welche Fantasie, welche Machtordnung in einem solchen Handeln sichtbar wird. Was wäre – sofern die Vorwürfe zutreffen – der Lustgewinn daran?

Das sind Fragen, die nicht dem Täterschutz dienen. Denn Perversionen geben immer Aufschluss über die Gesellschaft. Sie sind deren spezifische Kehrseite. Anders gesagt: Jede Gesellschaft entwickelt jene Perversionen, die ihr entsprechen.

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Isolde Charim

Die Autorin ist Publizistin in Wien.

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Wie aber ist das in einer Gesellschaft, die die sexuelle Freiheit derart erweitert hat? Wenn eine Gesellschaft nicht mehr die Unterdrückung der Triebe verlangt, wenn diese in vielfältigsten Formen ausgelebt werden können, dann verschiebt sich die Grenze zwischen Erlaubtem und Verbotenem.

Verschiebung vom Vollzug auf den Willen

Heute hängt diese Grenze nicht mehr am unmittelbaren Sexualakt, sondern an etwas anderem: am Moment des Einverständnisses. Damit verschiebt sie sich vom Vollzug auf den Willen der Beteiligten. So hat Dominique Pelicot, der seine Ehefrau über Jahre mit K.-o.-Tropfen betäubt und anderen Männern zur freien Verfügung angeboten hat, sie im Internet unter dem Titel inseriert: „Ohne ihr Wissen“.

In der Zeit eines „neuen sexuellen Taktgefühls“, das auf Einverständnis und Respekt beruht (so die Soziologin Irène Théry), bildet dieses „ohne“ den größtmöglichen Gegensatz, den wahren Transgress. Die Frau sagt nicht Nein. Es geschieht nicht einfach gegen ihren Willen, sondern gänzlich ohne diesen.

Neu ist nicht der Wunsch, jemanden ganz und gar zu besitzen. Aber neu ist der völlige Verzicht auf das Begehren der Frau, das gänzliche Durchstreichen ihrer Person. Nicht nur metaphorisch, sondern ganz effektiv wird sie zum reinen Objekt, über das man eine völlige Verfügungsgewalt hat.

Auch im Fall Ulmen/Fernandes steht der Vorwurf eines „ohne ihr Wissen“ im Raum – wenn auch anderer Art. Fernandes wirft Ulmen vor, unter ihrem Namen Männer angeschrieben und in diesem Zusammenhang pornografisch anmutendes Material verbreitet zu haben. Ulmen bestreitet zentrale Vorwürfe; für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Wenn man die Vorwürfe als Struktur betrachtet, erscheint hier ein „ohne“ durch Identitätsaneignung: ohne ihr Wissen und ohne ihre eigene Stimme.

Temporäre Auslöschung der Frau

Was bei einer solchen – realen oder behaupteten – Auslöschung der weiblichen Subjektposition zurückbleibt, ist eine Gemeinschaft von Männern. Diese bildet dann eine merkwürdige Neuversion von dem, was Freud die Ur-Horde genannt hat. Bei dieser war der Ur-Vater der unumschränkte Herrscher der Horde, der Einzige, dem sexuelle Befriedigung zustand. Die Söhne waren zur Abstinenz gezwungen.

In der pervertierten Neufassung dominiert jemand wie Pelicot nicht durch privilegiertes Genießen, sondern durch Macht. Eine Allmacht nicht nur über die Frau – sondern auch über die anderen Männer, die er bei ihrem Tun filmte und bewertete. (Er hortete die Dokumente in dem Ordner „Missbrauch“!) In dieser Perversion wird die Machtausübung, die Auslöschung des Wollens der anderen, über die sexuelle Befriedigung gestellt. Diese Macht wird libidinös besetzt. Lustgewinn durch Omnipotenz sozusagen.

Der Fall Ulmen bietet eine andere Version davon: Ulmen ist nicht der Ur-Vater. Hier mutiert die Männergemeinschaft zur Brüderhorde. Schon bei Freud behalf sich diese durch Homosexualität, um dem despotischen Vater zu entgehen. Wozu aber braucht es heute, wo Homosexualität ja längst kein Tabu mehr ist, solch eines „Umwegs“, solch einer Pervertierung?

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In der Logik der Vorwürfe würde der Zugang zu dieser Brüderhorde dadurch eröffnet, dass die Identität der Frau angeeignet wird: Nicht sie spricht, sondern jemand spricht als sie. Der Fall, wie Fernandes ihn schildert, ließe sich damit als Fantasie lesen, in der die Frau nicht mehr Subjekt der Kommunikation ist, sondern deren Maske. Es ginge dann nicht nur um Erniedrigung, sondern um eine symbolische Auslöschung der störenden Frau. Das ist das Bild, das die Perversionen uns zeigt: Die Kehrseite der Liberalisierung erweist sich als Rückkehr der Ur-Horde.

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