Eine gewisse Offenheit für Experimente an der Wahlurne wird den Bulgar*innen wohl niemand absprechen. Sozialisten, Liberale und Populisten – kaum eine politische Kraft, der sie seit dem Sturz des Kommunismus 1989 nicht die Geschicke ihres Landes anvertraut hätten. 2001 wurde sogar der letzte Zar reanimiert, um als Regierungschef Bulgarien in eine bessere Zukunft zu führen.
Nun ist wieder ein potenzieller Erretter aufgetaucht: Rumen Radew. Von 2017 bis 2026 war er Präsident, jetzt will er Regierungschef des Balkanstaats mit 6,5 Millionen Einwohner:innen werden. Bei der Parlamentswahl am 19. April tritt der 62-jährige Radew mit der neu gegründeten Mitte-links-Allianz Progressives Bulgarien (PB) an. Umfragen sehen die PB mit Werten zwischen 21 und 33 Prozent klar in Führung.
Am Abend des 19. Januar 2026 sind in Sofia alle Kameras auf Rumen Radew gerichtet. Zuallererst wolle er um Verzeihung bitten, sagt der Damals-noch-Präsident in seinem Amtssitz. Die Zeit habe das Vertrauen der Bulgar*innen auf die Probe gestellt. Deshalb danke er allen für ihre Geduld, sagt Radew – wohl wissend, dass die Menschen mit selbiger schon lange am Ende sind. Die Wahlen im April werden bereits die achten seit 2021 sein, beim letzten Urnengang im Oktober 2024 hatten nur 38 Prozent der Wähler*innen ihre Stimme abgegeben.
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Nicht ganz unerwartet kündigt Radew an jenem Januarabend seinen Rücktritt an – nur fünf Wochen nach dem Rückzug der Regierung als Folge erneuter Massenproteste wegen des Dauerthemas Korruption. Rumen Radew teilt aus – mit ruhiger Stimme, aber bestimmt. Als Ursache für Bulgariens anhaltende Krise macht er ein fehlerhaftes Regierungsmodell aus. Dieses trage zwar die äußeren Anzeichen einer Demokratie, funktioniere aber nach den Mechanismen einer Oligarchie.
Karriere machte Rumen Radew zunächst beim Militär
„Unsere Demokratie kann nicht überleben, wenn wir sie korrupten Figuren, Geschäftemachern und Extremisten überlassen“, sagt er. Zwar schweigt sich Radew da noch über seine Zukunftspläne aus, dennoch ist klar: Der Mann will in Bulgarien – Mitglied der Nato, der EU und seit dem 1. Januar 2026 der Eurozone – auch künftig mitmischen. Immerhin ist er der beliebteste Politiker des Landes.
Eine politische Karriere ist Radew nicht in die Wiege gelegt worden. 1982, im Alter von 19 Jahren, geht er zur bulgarischen Armee. Fünf Jahre später beendet er einen Offizierslehrgang bei der Luftwaffe und tritt der Bulgarischen Kommunistischen Partei (BKP) bei, die er 1990 wieder verlässt. Eine Mitgliedschaft in der BKP, seit 1945 an der Macht, sei für Offiziere obligatorisch gewesen, sagt er später.
Zusätzliches militärisches Rüstzeug erhält Radew in den USA an einer Universität der Air Force in Montgomery, Alabama, erst an der Offiziersschule und dann mit einem Masterstudium, das er 2003 abschließt. 2014 übernimmt Radew, mittlerweile im Rang eines Generalmajors, das Kommando über die bulgarische Luftwaffe. Im selben Jahr sorgt er bei den Besucher*innen einer Flugshow für Furore, als er mit einer MiG-29 sowjetischer Bauart Kunstflugmanöver vorführt.
Ende 2016 stehen Präsidentschaftswahlen an. Zur Überraschung vieler steigt auch Radew in den Ring – auf dem Ticket der Sozialisten (BSP). Die Partei, die aus der BKP hervorgegangen ist, unterhält immer noch enge Beziehungen zu Russland. Radew entscheidet die Wahl in der zweiten Runde mit 59 Prozent der Stimmen für sich. Kurz darauf wird die damalige BSP-Chefin Kornelija Ninowa zu Protokoll geben, Radews Kandidatur mit Wladimir Putins Moskau abgesprochen zu haben. Quasi über Nacht ist ein General zum Staatschef mutiert.
Kampf gegen Korruption
Die Erwartungen der Bevölkerung an Rumen Radew sind hoch. In den Medien ist von einer neuen Ära der bulgarischen Politik die Rede – verbunden mit der Hoffnung auf eine effektive Bekämpfung der Korruption. Doch während in der Öffentlichkeit noch spekuliert wird, wie sich Radew außenpolitisch positionieren werde, warten Expert*innen bereits mit einer klaren Einschätzung auf: Er werde deutlich russlandfreundlicher sein als sein Vorgänger Rosen Plewneliew, der sich für das Völkerrecht und die europäische Position gegenüber der Ukraine und Russland ausgesprochen habe, sagt der Politologe Ognjan Mintschew in einem Interview mit der Deutschen Welle.
In seiner ersten Amtszeit bekommt es Präsident Radew mit Premierminister Bojko Borissow und dessen konservativer Partei Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens (GERB) zu tun. Dieser ist seit 2009 fast durchgehend Regierungschef, als ehemaliger Leibwächter des letzten KP-Chefs Todor Schiwkow mit beachtlichen (Tür-)Steherqualitäten ausgestattet und korrupter Umtriebe nicht unverdächtig.
2020 ist das Tischtuch zwischen den beiden Politikern endgültig zerschnitten. Im Sommer erlebt Bulgarien – eines der ärmsten Länder der EU – wochenlange Massenproteste gegen Korruption, die vor allem auch Borissow adressieren.
Radew macht die Sache der Demonstrant*innen zu seiner eigenen. Borissow hingegen verweigert sich einem Rückzug. Wohl auf seine Veranlassung hin durchsuchen bewaffnete Polizisten Radews Amtssitz – eine Retourkutsche auf veröffentlichte Fotos aus Borissows Schlafzimmer. Darauf sind eine Waffe, Banknoten und Goldbarren zu sehen. Der Premier vermutet den Präsidenten hinter der „Intrige“, doch der spricht von „Paranoia“.
Sieben Übergangsregierungen setzte er als Präsident ein
Im April 2021 finden die vorerst letzten regulär terminierten Parlamentswahlen statt. Sie eröffnen einen Reigen vorgezogener Wahlen, die alle keine stabile Regierungsmehrheit hervorbringen. Das eröffnet für Radew neue Möglichkeiten, und er nutzt sie. Zwar stattet die Verfassung das Staatsoberhaupt vor allem mit repräsentativen Vollmachten aus. Doch es ist der Präsident, der, wenn nötig, Übergangsregierungen einsetzt. Letzteres tut Radew sieben Mal – mehr als jeder bulgarische Staatschef vor ihm.
Die Präsidentenwahl im November 2021 gewinnt Radew erneut, im zweiten Durchgang mit 67,7 Prozent der Stimmen. Das macht politisch offenbar Appetit auf mehr. Oder, wie der Historiker Tom Junes schreibt: Ab Juni 2022 und inmitten der politischen Krise habe der ehemalige Kampfpilot und militärische Alphamann Radew zunehmend bonapartistische Züge an den Tag gelegt, die seine politischen Ambitionen befeuert hätten.
Zu dieser Beobachtung passt, dass Radew immer mal wieder nationalistische und populistische Töne anschlägt. Im Sommer 2023 ist ein Projekt der Superlative in aller Munde. Im Rhodopengebirge soll ein 111 Meter hoher Mast installiert werden, um eine überdimensional große bulgarische Flagge zu hissen. Er kostet 500.000 Euro, die Summe ist angeblich durch private Spenden zusammengekommen, Radew hat die Kampagne unterstützt. Als der Mast im Juli eingeweiht wird, stimmt Radew in die Rufe „Lang lebe Bulgarien!“ ein.
Auch die russophile heimische Wähler*innenklientel bedient Radew. Nach dem Beginn von Russlands Invasion in die Ukraine im Februar 2022 spricht er sich gegen Waffenlieferungen an Kyjiw aus. Bulgarien dürfe nicht in diesen Krieg hineingezogen werden, lautet Radews Mantra. Diese Position wiederholt er auch bei einem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Sofia im Juli 2023. Selenskyj reagiert schroff, es kommt zum Eklat, Kamerateams werden des Saales verwiesen.
Noch ist Radew innenpolitisch auf Stimmenfang bei den Wähler*innen, zum dritten Mal. Doch sollte seine Allianz bei den Wahlen erfolgreich bei linken, zentristischen und rechtsextremen Parteien wildern und stärkste Kraft werden, ist die Bildung einer stabilen Regierung kein Selbstgänger. Und dann könnte der Überflieger Rumen Radew ganz schnell und unsanft in der bulgarischen Realität landen.






