Politisches Theater: Ohne Dabeisein ist alles nichts

Wie es eigentlich war, dürfte letztlich doch die interessanteste Frage mit Blick auf den von Regisseur Milo Rau in Hamburg inszenierten „Prozess gegen Deutschland“ sein. Also die Frage nach der Form und der Performance, die Frage nach der eigenen, der Bühnenrealität dieses fiktiven AfD-Verbotsverfahrens, das hoch und runter im Feuilleton Thema war.

Stattgefunden hat es vom 13. bis zum 15. Februar im Großen Haus des Thalia Theaters Hamburg, mit je zwei Vertreter*innen von Anklage und Verteidigung, die mit ihrer Rolle zumindest nicht hadern sollten, sowie der Einvernahme von ganz realen Zeug*innen dafür, dazwischen und dagegen.

Anders als bei den historisch wichtigen Vorläufern wie Bertrand Russels Vietnam-Tribunal, wo es darum ging, ganz reale Zeugnisse für ein Verbrechen zusammenzutragen, um eine politisch-juristische Aufarbeitung zu erzwingen, hat man sich hier dem dreitägigen Kolossalformat zum Trotz in eine eher biedere Ferdinand-von-Schirach-Dramaturgie begeben. Bei dessen Wellmade-Plays geht es ja auch immer irgendwie darum, eine Entscheidung vorzubereiten. Hier war dafür eine siebenköpfige Jury gecastet worden.

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Fiktive Prozesse prägen das Profil des Schweizer Theatermachers Milo Rau: Sie rollen abgeschlossene Verfahren, wie den Moskauer Pussy-Riot Prozess, neu auf oder nehmen ersehnte vorweg, wie das Tribunal zu Kriegsverbrechen im Kongo (2015).

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Die teilweise erregte Diskussion ums Event hatte eher seine Wirksamkeit fokussiert. Der routinierte Vorwurf, Rau bereite Rechten und Rechtsextremist*innen eine Bühne, wirkt etwas verspätet: Längst müsste es Theater ja um die Rückgewinnung der von rechten Menschenfeinden besetzten Räume gehen, etwa des Dancefloors, wie es am couragierten Theaterhaus Jena die Performance „l‘amourstoujours“ schlüssig versucht hat: Sylt, Ponybar, Gigi d‘Agostino, Sie erinnern sich.

Die Ansprachen, mit denen das Thalia zumal der rechten Blase Füllmaterial liefert, sind dagegen ein Ärgernis, gerade auch, weil sie im Widerspruch zum ästhetischen Setting stehen. Sie verraten die selbstgeschaffene theatrale Prozess-Situation – an die Langeweile.

“Junge Freiheit” superaggressiv

Wie unwohl sich Hardcore-Rechte hingegen in der formal eingeengten Gesprächssituation der Zeugenbefragung fühlen, war Samstagvormittag aufs Schönste zu erleben. Superaggressiv reagierte der von der ultrarechten Zeitung Junge Freiheit gefeierte Blogger Feroz Khan bereits auf die Befragung durch die Publizistin Liane Bednarz, die ihm doch als Verteidigerin wohlgesinnt gegenüber getreten war.

Wie er da verbal um sich schlug, das hatte auf der Bühne etwas Kläglich-Rührendes, weil so tiefe Verunsicherung daraus sprach. Und da war Dabeisein mal wirklich alles. Denn im Theaterraum, und nur in dem, gelingt es so, den seltsamen Hass dieses Männleins zu neutralisieren, das gerne furchterregend wäre. Man sitzt da und denkt: Wie schade!, irgendwer hätte es mal in den Arm nehmen müssen, das arme Bübchen. Jetzt ist’s zu spät.

Online stellt sich dieses Mitleid nicht ein. Auf Social Media kann sich Hetze selbstbestimmt geben und virulent werden. Insofern erweist es sich als künstlerisch falsch und politisch als fahrlässig, die Veranstaltung auf Youtube zu verbreiten. Dort steht das Video interessierter Seite zur Zweitverwertung in entkontextualisierten Häppchen parat. Und dort ist es möglich, Zumutungen zu skippen, die Akteur*innen und Publikum im Saal aushalten. Manchmal will man schreien, tut es aber nicht. Das ist eine theatrale Qualität.

Es gibt billige Lacher, weil Herta Däubler-Gmelin den Advocatus der AfD, Frédéric Schwilden, mitunter als Herrn Schwindler anspricht, so wie weiland Herbert Wehner den Journalisten Ernst-Dieter Lueg einfach Lüg genannt hatte; sie aber wohl doch mehr aus Versehen.

Der Nachbar, ein Nazi?

Insgesamt bleibt das Theaterprojekt, nicht nur gemessen an seinen Richard Wagnerschen Ausmaßen, szenisch dünn, trotz schöner Momente, vor allem jeweils zu Sitzungsbeginn: Da kommt aus dem Off die Ansage: „das Gericht erscheint“ – und alle erheben sich. Also wirklich alle, der ganze Saal, gut 1.000 Leute. Magisch.

Zugleich wird viel soziale Kontrolle spürbar: Der Beifall zu den Aussagen bleibt spärlich, wohl auch, weil sich jedes Klatschen als politisches Statement lesen lässt. Und wer wollte sich schon outen, wenn der Nachbar Nazi sein könnte.

  • informationsspiegel

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