
Die zentralen Straßen in Kyjiw füllen sich mit immer mehr Menschen – Büroangestellte, Militärveteranen, Familien mit Kindern. Es ist Samstag abend, seit nunmehr drei Tagen versammeln sich Tausende Menschen in der ukrainischen Hauptstadt vor dem Amtssitz des Präsidenten. Sie skandieren „Schande!“, „Die Macht gehört dem Volk!“ und „Abgeordnete – an die Arbeit!“, während sie wütende und ironische Plakate in die Höhe halten. Ähnliche Demonstrationen finden auch in den meisten anderen ukrainischen Großstädten statt.
Auslöser der Proteste ist die Entscheidung von Präsident Wolodymyr Selenskyj, Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow zu entlassen. Fedorow war erst im Januar berufen worden. Er kann auf Erfolge bei der Massenproduktion und dem Einsatz von Drohnen, der Unterbindung der Nutzung von Starlink-Terminals durch russische Streitkräfte sowie Angriffen auf militärische Ziele in Russland verweisen.
Hintergrund der Führungskrise im Verteidigungsministerium ist ein Konflikt zwischen Fedorow und dem Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Oleksandr Syrskyj. Die Demonstranten fordern von Selenskyj, Fedorow wieder einzusetzen und Syrskyj zu entlassen. Tausende Stimmen skandieren im Gleichklang: „Weg mit Syrskyj!“
Wyschywankas und ukrainische Flaggen
Die Kundgebung beginnt mit einer Schweigeminute. Schüler und Studenten knien nieder, um der Gefallenen zu gedenken. Viele sind in Wyschywankas, traditionell bestickten Blusen, erschienen und haben ukrainische Flaggen dabei. Die neunzehnjährige Studentin Anna Polonowa trägt ein T-Shirt mit dem Wappen der Region Donezk. Ihre Heimatstadt Donezk ist seit zwölf Jahren von russischen Truppen besetzt.
Sie sagt, Verteidigungsminister Fedorow habe ihr Hoffnung gegeben – zum ersten Mal seit Kriegsbeginn –, dass sie Donezk eines Tages wieder als ukrainische Stadt erleben könne. Den Armeechef hingegen kritisiert sie. „Syrskyj ist die Verkörperung der Sowjetarmee. Er ist bereit, Männer in Angriffen zu verheizen – das sind die Methoden des Feindes. Wir müssen solche Leute loswerden“, sagt Polonowa. Sie sei allein zu der Kundgebung gekommen, fühle sich aber sicher inmitten von Gleichgesinnten. Der Protest ist lautstark, verläuft jedoch friedlich.
„Mein Vater ist schon seit zwölf Jahren im Krieg – aber nicht für so einen Mist“, steht auf dem Schild, das Valerija Tsarytsenko, eine 29-jährige PR-Spezialistin aus Kyjiw, in den Händen hält. Ihr Vater kämpft an der Front bei Saporischschja und meldet sich nur einmal pro Woche. In seiner letzten Nachricht schrieb er, er sei stolz darauf, dass sich seine Tochter dem Protest angeschlossen habe.
„Mein Vater hat seine Gesundheit geopfert, damit ich in einem besseren Land mit einer demokratischen Regierung leben kann. Entweder wir ändern etwas hier und jetzt mit den Protesten, oder mein Vater wird noch jahrzehntelang kämpfen müssen“, sagt Valerija. Sie verbindet Fedorow mit technologischen Fortschritten in der Armee, während sie den Namen Syrskyj mit dem menschenverachtenden Einsatz von Menschenleben verbindet.
Nach der Hochzeit zum Protest
Neben ihr halten Demonstranten Schilder hoch mit Aufschriften wie „Ja zu einer technologischen Zukunft, nein zur sowjetischen Vergangenheit“ – an einem davon ist eine FPV-Drohne befestigt –, „Syrskyj ist ein Fleischwolf-General“ sowie „Dieser Käse ist verdorben“ – ein Wortspiel mit dem Nachnamen des Oberbefehlshabers.
„Fedorow steht für die Zukunft, während Syrskyj die Methoden der Vergangenheit verkörpert. Wir werden so lange hier bleiben, wie es nötig ist – bis Selenskyj beschließt, Syrskyj zu entlassen oder Fedorow zurück zu holen. Ich bin hier mit einer Freundin. Sie hat gestern geheiratet, ist aber direkt nach der Feier zum Protest gekommen. Denn dies ist unser Land, und es ist uns nicht egal“, sagt Valerija mit Blick auf die dunklen Fenster des Präsidialamts.
Bei der Kundgebung sind auch Militärangehörige anwesend. Einige sind in Zivilkleidung erschienen, andere tragen ihre Uniformen mit Auszeichnungen an der Brust, wie der Orden „Held der Ukraine“.
„Ich bin gekommen, um Fedorow zu unterstützen, weil er wirkliche Reformen auf den Weg gebracht hat. Er hat die Nutzung von Starlink-Terminals durch das russische Militär eingeschränkt, die Beschaffungswesen der Armee transparenter gestaltet und Drohnen Priorität eingeräumt. Ich bin Infanterist. Ich weiß, wie es ist, von einer FPV-Drohne gejagt zu werden. Warum entlassen sie einen solchen Mann? Das gefällt mir nicht“, sagt der 27-jährige Oberleutnant Wladislaw Stozkij, der heute seinen einzigen freien Tag hat.
Stozkij wurde mit dem Titel „Held der Ukraine“ ausgezeichnet, nachdem er 67 Tage gegen den russischen Vormarsch auf Siwersk in der Region Donezk gekämpft und dabei eine Verletzung erlitten hatte.
Wasser und Süßigkeiten
Der ukrainische Aktivist und Freiwillige Serhij Sternenko, dessen Stiftung das ukrainische Militär mit FPV-Drohnen versorgt, schrieb in den sozialen Medien, dass Brigadekommandeure seinen Informationen zufolge angewiesen worden seien, Videobotschaften zur Unterstützung von Syrskyj aufzunehmen.
Auch Stotskyj hat davon gehört, doch er lasse sich nicht so einfach zum Schweigen bringen. „Der Druck, dem ich ausgesetzt bin, geht von einer russischen Rakete, einer russischen Drohne und einem russischen Soldaten mit seiner Waffe aus. Das ist ein weitaus größerer Druck. Die Wahl ist klar. Ich unterstütze Fedorow und seine Reformen. Denn ich möchte nicht noch hundert Jahre lang Krieg führen.“
Bei der Kundgebung verteilen Freiwillige kostenlos Wasser und Süßigkeiten. Einige haben Pappen und Filzstifte mitgebracht, damit sich jeder ein eigenes Schild basteln kann.
Ruf nach dem Parlament
Die Tradition, Parolen auf Kartons zu schreiben, entstand im vergangenen Sommer in der Ukraine. Im Juli 2025 erlebte das Land die erste große Welle regierungsfeindlicher Proteste seit Kriegsbeginn.Tausende Menschen gingen auf die Straße, nachdem Präsident Selenskyj ein Gesetz unterzeichnet hatte, das die Unabhängigkeit des Nationalen Antikorruptionsbüros (NABU) und der Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAPO) erheblich einschränkte.
Unter dem Druck der ukrainischen Gesellschaft und angesichts der Kritik internationaler Partner legte Selenskyj einen neuen Gesetzentwurf zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit von NABU und SAPO vor, den das Parlament billigte.
Die Menschen auf den Straßen von Kyjiw hoffen jetzt erneut auf einen Erfolg ihrer Proteste. Da das Parlament in der Sommerpause ist, können die Abgeordneten die von den Demonstranten geforderten Personalentscheidungen nicht sofort behandeln. Deshalb ist eine Hauptforderung bei den Kundgebungen die vorgezogene Einberufung des Parlaments. „Der Krieg kennt keine Ferien!“, skandieren die Menschen im Chor.
„Mein Bruder hat drei Jahre in Gefangenschaft verbracht. Jetzt kämpft er wieder. Und er bekommt keinen Urlaub. Daher sollte auch das Parlament zusammentreten können, um über Entscheidungen abzustimmen, die für das Land wichtig sind. Ich möchte, dass mein Bruder gute Kommandanten und einen guten Oberbefehlshaber hat, der das Leben seiner Soldaten wertschätzt“, sagt die 27-jährige Freiwillige Wladyslawa Titarenko. „Wir bleiben bis zum Schluss. Selenskyj muss auf uns hören“, sagt eine junge Frau, die mit einem befreundeten Veteranen zu dem Protest gekommen ist. Er hat im Krieg beide Beine verloren und geht auf Prothesen.
Aus dem Russischen Barbara Oertel







