Bisher erfindet sich Berlin immer wieder neu. Steigende Mieten, wachsende Obdachlosigkeit, fehlende Förderung für Bildung und Kultur: Was hält eine Stadt noch zusammen, wenn der Raum für diejenigen kleiner wird, die ohnehin schon weniger davon haben? Welchen Platz haben Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen, die von Armut betroffen sind, in dieser Stadt?
Kaum eine Künstlerin findet für diese Fragen einen so unmittelbaren Sound wie die Kreuzberger Rapperin Wa22ermann. Ihre Musik erzählt von den Biografien der Menschen um sie herum und von ihrer persönlichen Geschichte. Nun veröffentlicht die junge Künstlerin ihr Debütalbum „Knax“.
Summan Tariq, 1999 in Pakistan geboren, kam im Alter von neun Jahren nach Deutschland. Ihre Familie tauschte die pakistanische Villa gegen eine Einzimmerwohnung in Kreuzberg. Ihr Bruder wurde wegen einer schweren Erkrankung in der Charité behandelt – eine Erfahrung, von der sie zum Auftakt des Albums bei „Intro/Normal“ erzählt.
Wa22ermann: „Knax“ (Four Music/Sony).; die Tour startet am 12. 10. in Hamburg
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War der Ton des ersten Songs wie „Maybachufer“ noch für dröhnende Partynächte gemacht, schließt der Sound ihres Albums nun die Wohnungstür nach diesen Exzessen auf. Euphorie ist verflogen, Licht geht an. Zurück bleibt Ernüchterung. Wa22ermann erzählt auf „Knax“ von Therapiestunden, Schlaflosigkeit und Traumata, über Selbstzweifel, eine künstlerische Karriere als Rapperin eingegangen zu sein.
Musik wie eine Therapiesitzung
Bis kurz vor ihrer ersten Tour, rappt sie, habe sie ihre künstlerische Absicht privat verheimlicht. Da hingen bereits ihre Plakate an den Werbetafeln der U-Bahn. Aus diesen Erfahrungen speist sich der seelische „Knax“, man hört ihn der Musik an. Das schafft Wa22ermann auch durch ihre feste Stimme, bei der es sich für Zuhörende so anhört, als säßen sie direkt neben ihr, bei einer Therapiesitzung.
Aus der trübseligen Stimmung wird jedoch bald Wut, so wie wir es von vielen Berlinerinnen derzeit kennen. Zorn schreibt sich in politische Statements ein. Zwar hat Wa22ermann im Song „Stadtbild“ gemeinsam mit Teuterekordz bewiesen, dass sie politische Debatten direkt aufgreifen kann. Griffiger klingt ihre Gesellschaftskritik aber, wenn sie die Geschichten selbst erlebt oder beobachtet hat.
In „Dreck“ rappt sie etwa über gewalttätige Väter und über Mütter, die Drogen konsumieren. Berliner Lebensrealitäten, Wa22ermann macht aus ihrer Umgebung keinen romantischen Abenteuerspielplatz. Sie zeigt eine Stadt voller Widersprüche: Gewalt und Zusammenhalt, Angst und Stolz, Überforderung und Hoffnung.
Ego und Ganja
In „Mr. Krabs“ heißt es etwa: „Meine Gegend riecht nach riesengroßen Egos und nach Ganja.“ Musikalisch sind die Songs im Vergleich zu ihren EPs noch facettenreicher geworden. Im Song „Aussortiert“ mit Tom Hengst tauchen melodramatische italienische Chansonsamples auf. Viele Beats stammen vom Produzenten Hägi, der unter anderem bereits mit Nura gearbeitet hat. Seine Produktionen geben „Knax“ einen treibenden Flow.
Dazu kommen die Features, die das Album musikalisch immer wieder in andere Richtungen öffnen. „Distanz 2“ mit Chilly Gonzales wird zur Hyperpophymne, während „Chayas lieben Trap“ gemeinsam mit OG Lu Genreklischees durch Zarah-Leander-Samples bricht. Wer Wa22ermann zuhört, kann viel lernen. Über die Künstlerin, aber auch über ihre Heimatstadt Berlin, die bei Wa22ermann zum Schauplatz von unkonventionellen üblichen Erzählungen wird.
Der Platz in der Stadt
Alltag in Kreuzberg, Migration, familiäre Schicksale, psychische Belastungen und die Frage, wie man in dieser sich ständig verändernden Stadt seinen Platz behauptet. „Kann sein, dass du nicht checkst, weil du bist nicht so wie wir, wegen Musik seine Familie zu verlieren“, so Wa22ermann. Trotz aller Härte zieht sich durch ihren Sound aber auch Demut und Dankbarkeit. Und die Hoffnung auf Erfolg. Im Outro trifft Wa22ermann eine alte Freundin, die sie in den Arm nimmt und sagt: „Zum Glück bist du noch hier.“
Was macht Berlin eigentlich aus? Sounds wie von Wa22ermann, jetzt und in Zukunft.






