Rassistische Gesänge im Tennisclub: Viel Arbeit für Antifas in Berlin-Grunewald

D ass Berlin jetzt nicht nur einen weiteren rassistischen Vorfall zu verzeichnen hat, sondern einen echten Sylt-Moment, ist schon erstaunlich. Denn so viele Orte, an denen sich das Geschehnis authentisch nachspielen lässt, das sich im vergangenen Sommer in der Sylter Schickimickibar Pony zugetragen hat, gibt es in Berlin gar nicht. Ganz einfach deswegen nicht, weil das – gesamt betrachtet – weitgehend räudige Berlin eigentlich wie das genaue Gegenteil von Sylt wirkt.

Auf dem Video von der Insel war eine Gruppe von Leuten zu sehen, die zu dem Hit „L’Amour Toujours“ von Gigi D’Agostino in ausgelassener Stimmung „Ausländer-raus“-Parolen anstimmten. Dass sich hier Menschen aus der sogenannten besseren Gesellschaft produzierten, sorgte für besondere Aufmerksamkeit. Aha, selbst die Reichen und Schönen gebärden sich inzwischen also unter Umständen wie stinknormale Neonazis.

Die Bilder einer Party im Clubhaus des Berliner Tennisvereins TC 1899 Blau-Weiß, die nun auf Instagram aufgetaucht sind, ähneln aber auch von den äußeren Umständen her frappierend denen von Sylt. Denn die markenklamottentragende Masse, die hier beim Singen rassistischer Parolen steilgeht, feiert nicht irgendwo, sondern im feinen Grunewald. In den Räumlichkeiten eines Vereins, der bereits im vorletzten Jahrhundert gegründet wurde und der auf Tradition so großen Wert legt, dass hier nur ganz in Weiß gekleidet Tennis gespielt werden darf.

Der Verein gibt sich zerknirscht ob des Vorfalls und verspricht dessen Aufarbeitung, die Polizei ermittelt. Ben M. Irle, der den Club als Anwalt vertritt, sagt der taz, dass man immer noch dabei sei, das Geschehene einzuordnen. Die Party sei zwar von Blau-Weiß und dem anderen Berliner Nobeltennisverein LTTC Rot-Weiß beworben worden, als „Purple White Après-Ski-Party“, aber von einem externen Veranstalter durchgeführt worden.

Es grölt der halbe Saal

Der DJ habe sich eine Après-Ski-Party-Compilation aus dem Internet zusammengesucht, auf der dann halt auch Gigi D’Agostinos Hit drauf war. Von den ausländerfeindlichen Gesängen will der DJ nichts mitbekommen haben. 400 Gäste seien auf der Party gewesen, wobei nur fünf Jugendliche im Alter von etwa 15 Jahren rassistisch auffielen, so der bisherige Kenntnisstand. Auch wenn die kursierenden Aufnahmen nicht den Eindruck erwecken, als würden da nur fünf Leute grölen, sondern vielmehr der halbe Saal.

Ob diese Mitglieder der beiden genannten Tennisvereine seien, könne noch nicht gesagt werden. Gegebenenfalls würden vereinsrechtliche Maßnahmen ergriffen. Auch in einem internen Schreiben an seine Mitglieder distanziert sich Blau-Weiß von den Ereignissen auf der Party.

Strafrechtlich relevant ist wahrscheinlich ohnehin nichts von dem, was nach bisherigem Wissen auf der Party passiert ist. Umso besser, dass der Verein das Geschehene ganz offensichtlich trotzdem nicht duldet. Und verspricht, in Zukunft darauf achten zu wollen, dass sich derlei nicht wiederholen wird.

Für Berlin bleibt die Lehre, dass die Antifa nicht nur nach Marzahn oder Hellersdorf blicken muss. Auch die syltigen Ecken dieser Stadt sind offenkundig immer einen Besuch wert.

  • informationsspiegel

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