Roman über die Zeit von Aids: Erschrocken über das eigene Überleben

Die Coronakrise hat die Erinnerung an eine lange zurückliegende Epidemie wachgerufen, die im kollektiven, auch im literarischen Gedächtnis Deutschlands wenig Niederschlag gefunden hat: Aids. Die Krankheit betraf von 1982 an zumeist schwule Männer, sexuell aktiv, jünger, überwiegend in großen Städten. Die globale Epidemie nahm ihren Ausgang unerkannt in Afrika, über die USA, Frankreich, Großbritannien gelangte sie in die Bundesrepublik. Die DDR war durch die Mauer vor größerer Verbreitung geschützt.

Die Übertragungswege des Virus waren zunächst unklar, Abstinenz wurde empfohlen, später Kondome. Vor über vierzig Jahren hätte niemand den Ausgang dieser weltweiten Seuche vorhersagen können: Nach einem Impfstoff sucht man bis heute, erst 1995 wurden Medikamente entwickelt, die das Virus in Schach halten und aus der tödlichen eine chronische Krankheit machen. Über anderthalb Jahrzehnte bedeutete die Infektion mit HIV in den meisten Fällen den Tod.

Die deutsche Gesellschaft suchte das Vergessen. Martin Reicherts Buch „Die Kapsel“ (2019) greift das mit seinem doppeldeutigen Titel auf: Die Kapseln, die man einnimmt, verhelfen den Infizierten zu überleben und kapseln gleichzeitig Ursache und Wirkung der bedrohlichen Krankheit ein.

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Der Roman

Hans Pleschinski: „Bildnis eine Unsichtbaren“. C.H. Beck, München 2026. 313 Seiten, 25 Euro

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Gegen das kollektive Vergessen steht ein Buch, das vor 24 Jahren zuerst erschien, und jetzt zum 70. Geburtstag seines Autors, Hans Pleschinski, neu herauskommt: „Bildnis eines Unsichtbaren“. Das ist kein „Aids-Roman“, eher ein Bildungsroman, liebevolles Porträt Münchens, ein individueller Bericht über das Schicksal vieler, ein Generationenroman und ein Stück Zeitgeschichte. Ein Schlüsselroman übers Verschlossene. Er handelt vom Umschlag einer éducation sentimentale in eine éducation virale.

Wie verändert es das Fühlen?

„Von der Silvesterfeier 1984 in Berlin – auf der alle 25 Gäste als Telefon verkleidet erscheinen mussten – lebt, bis auf mich, niemand mehr.“ Was bedeutet es für einen Menschen, nach wenigen Jahren der einzige Überlebende einer fröhlichen Silvesterfeier zu sein? Wie verändert es das Fühlen, Denken, das Leben und Lieben und also das Schreiben? Was sind dessen Bilder, Motive, welches Tempus wählt der Autor? „Immer wollte ich zugunsten eines reichen Lebens erzählen, erzähle aber vom Tod“, bekennt der Autor im Fortgang. „Man sollte dieses Buch beiseitelegen. Es passt nicht in unsere Zeit. Das Heitere darin scheint flüchtiger zu sein als das Traurige. Aber vielleicht irre ich mich.“

Der Erzähler berichtet von der langen, zu Lebzeiten kaum je eingestandenen Liebe zu Volker, einem Münchner Galeristen, seiner Jugend in Celle, von der Entdeckung Paris’, von unbeschwerten Feiern und Festen, von Liebhabern und Leidenschaften und dem Einschlag des tödlichen Virus. Über anderthalb Jahrzehnte vermied der Erzähler, in dem wir unschwer Hans Pleschinski erkennen, jeden Besuch bei einem Arzt oder einer Ärztin. Der routinemäßige Bluttest hätte die Diagnose von HIV zutage fördern können. Erst nach einem Sportunfall und vor dem anstehenden Eingriff wird das Blut untersucht. Der Befund ist negativ.

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Mit seinem Überleben ist der Erzähler oft allein und wird zum Chronisten des Sterbens vieler Freunde und Fremder. Hans Pleschinski erzählt davon unsentimental, nüchtern, doch einfühlsam, mit literarischem Takt, mit jener „Etikette des Herzens“, die er sich einmal wünscht. Anja Kampmann stellt in ihrem Nachwort fest, dass der Roman nicht gealtert sei. Dafür ist er zu unmittelbar, zu erschrocken über das eigene Leben, das Überleben.

Humanität und Besonnenheit

Der alten Bundesrepublik bescheinigt Hans Pleschinski, zu Recht, sie habe im Umgang mit Aids medizinisch-moralische Reife bewiesen – dank der Humanität und Besonnenheit von Rita Süssmuth als Gesundheitsministerin und Helmut Kohl, der letztlich in der Krise liberal handelte.

Mit dem Roman seines Lebens wurde Hans Pleschinski zu einem der wichtigen Erzähler des Landes, der uns fortan Thomas Mann, Gerhart Hauptmann und Marie Antoinette nahegebracht hat. Sein „Bildnis eines Unsichtbaren“ erschien in Übersetzungen und ist heute in der Türkei und in Russland verboten, in dessen Gefängnissen das Virus grassiert, von dem dieser Roman erzählt.

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