Transnistrien im Visier: Russisch wird man jetzt ganz schnell

W ladimir Putins Kriege beginnen selten mit Panzern. Sie beginnen mit Propaganda. Und oft auch mit Pässen: Zuerst verteilt Russland außerhalb seiner Grenzen großzügig russische Dokumente – oder erzwingt, diese anzunehmen. Dann erklärt der Kreml die dort lebenden Menschen zu „den Unseren“ – zu Russen also, die angeblich bedroht, diskriminiert oder schutzlos seien. Und irgendwann folgt daraus die Behauptung, Moskau müsse sie „schützen“. Notfalls militärisch.

So lief es in Abchasien und Südossetien in Georgien. So lief es in der Ukraine: auf der Krim, in Donezk und Luhansk.

Dass sich ein ähnliches Muster nun auch in der Separatistenregion Transnistrien im Osten der Republik Moldau abzeichnet, wird seit Jahren befürchtet. Im Westen herrscht bei solchen Themen oft entweder überdrehter Alarmismus oder völliges Desinteresse. Auch ich habe oft über die Gefahren geschrieben, Meldungen eingeordnet, die als Beginn einer neuen russischen Eskalation interpretiert wurden. Ich will ehrlich sein: Man stumpft mit der Zeit etwas ab. Doch eine Nachricht der vergangenen Woche hat mich wieder hellhörig werden lassen.

Denn Mitte Mai hat Putin per Dekret den Erwerb russischer Staatsbürgerschaften für Bewohner Transnistriens massiv erleichtert. Selbst Menschen mit moldauischem oder ukrainischem Pass können nun unkompliziert russische Staatsbürger werden. Beantragt werden kann die Staatsbürgerschaft nicht nur in Russland selbst, sondern auch in Konsulaten im Ausland, einschließlich eines mobilen Konsularpunkts in Tiraspol.

Der Weg bis nach Moldau nicht mehr weit

Wer in der Region lebt, besitzt ohnehin oft mehrere Pässe: einen moldauischen, rumänischen, ukrainischen, russischen. Je nachdem, welche Grenze man gerade überqueren will, wird der passende hervorgeholt. Der Pass ist weniger Ausdruck nationaler Identität als praktisches Überlebenswerkzeug. Genau das macht die Region so anfällig für geopolitische Einflussnahme.

Noch zu Beginn der russischen Invasion 2022 war die Angst groß: Wenn Russland Odessa einnimmt, wäre der Weg über Transnistrien bis nach Moldau nicht mehr weit, hieß es damals. Doch daraus wurde – glücklicherweise – nichts. Gerade deshalb wäre es aber ein Fehler, nur auf Panzerbewegungen zu schauen.

Russlands Stärke liegt nicht allein im offenen Krieg, sondern darin, systematisch Unsicherheit zu erzeugen: hybride Methoden, Einflussoperationen, politische Destabilisierung. Moldau ist dafür besonders anfällig. Klein, oft übersehen und durchzogen von prorussischen Kräften, die das Land daran hindern wollen, sich enger an Europa zu binden. Transnistrien bleibt dabei ein permanenter Stachel im moldauischen Staat.

Putins Dekret muss deshalb nicht bedeuten, dass morgen russische Panzer in der moldauischen Hauptstadt Chișinău stehen. Aber der Kreml könnte etwas anderes vorbereiten: die politische und juristische Begründung für Ansprüche, die er irgendwann, in einer noch ungewissen Zukunft, gebrauchen könnte.

Verdächtig bekannt

In der Vergangenheit musste man oft nur russisches Staatsfernsehen einschalten oder Putins Reden zuhören, um zu verstehen, wohin die Reise gehen sollte. Vor allem in Westeuropa wollte man das Gesagte jedoch lange nicht ernst nehmen. Nach vier Jahren russischer Großinvasion in der Ukraine hätte sich das eigentlich geändert haben müssen.

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Man darf und muss also ernst nehmen, wenn Maria Sacharowa, Propagandistin des russischen Außenministeriums, in Bezug auf das Dekret erklärt, Russland werde auf jede „Aggression gegen unsere Bürger“ in Transnistrien „sofort und angemessen“ reagieren. Die Russische Föderation sei bereit, „alle notwendigen Mittel“ einzusetzen, um deren Sicherheit zu gewährleisten. Mir kommt diese Rhetorik verdächtig bekannt vor.

  • informationsspiegel

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