„Sad Jokes“ von Fabian Stumm: Mit viel Kunst aus dem Leben gegriffen

Mann, schwul, Mitte vierzig, Filmregisseur, hat mit seiner besten Freundin zwei Kinder: Das ist Fabian Stumm, der Regisseur von „Sad Jokes“, der in seinem Film auch die Hauptrolle spielt. Stumm, der erst Schauspieler war, hat am Lee Strasberg Institute in New York studiert und dann an vielen Theatern und in freien Gruppen im deutschen Sprachraum gespielt. Bis er beschloss, Filme zu drehen, kürzere erst, „Sad Jokes“ ist nun der zweite Langfilm, und er ist sagenhaft gut.

Er besteht aus einzelnen Szenen, Episoden, manche ganz ohne Schnitt. Sie stehen ziemlich für sich, in jeder spielt Stumm, ohne dass es eitel wirkt, mit. Mal steht er im Zentrum, mal eher im Hintergrund, manchmal hört er einfach nur dem intensiven Monolog einer Mitspielerin zu, Sonya (Haley Louise Jones), der Mutter seines Kindes zum Beispiel, die eine schwere Depression durchmacht – und doch ist der Gegenschuss auf ihn dabei wichtig, als visueller Resonanzraum. Kein Wort geht ins Leere, so traurig manches ist, das geschieht und gesagt wird. Es ist einer da, der die Fallenden auffängt, und sei es durch seine bloße, manchmal fast stumme Präsenz.

„Sad Jokes“ geht durchaus auch als Komödie durch

Dabei kann man „Sad Jokes“ durchaus auch als Komödie sehen. Manche Szene ist eher ein Sketch, beinahe Slapstick. Jene etwa, in der Josefs Hand in einem Automaten stecken bleibt, am Ende ist ein Finger gebrochen, eine Sehne gerissen. Oder die mit dem Produzenten (Godehard Giese), der seinem Hund mit Zahnproblem die Wurst vorkauen muss. Andere sind veritable Mini-Dramen, etwa die kurze, aber in tausend Gefühlen ­schillernde Szene der zufälligen Wiederbegegnung Josefs mit seinem Ex (Jonas Dassler). Wieder anderes landet zwischen den Genres, ist lustig und cringe und bitter im selben Moment.

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Oder es wechselt die Stimmung binnen Sekunden. Weil Fabian Stumm jene Zwischentöne haargenau trifft, für die in konventionellen Komödien kein Platz ist. Auf die Ungewissheit, ob man lachen soll oder weinen, nagelt einen der Film immer wieder fest, aber nur für einen Moment. Dann ändern sich mit einem Wort oder Satz Szenerie und Beleuchtung, und man lacht oder weint. Über einen traurigen Witz.

Auf den ersten Blick nah am Theater

Auf den ersten Blick scheint das, was Stumm hier macht, nah am Theater. Manche der Szenen kann man sich gut auf der Bühne vorstellen, viele der Schauspielerinnen und Schauspieler, nicht zuletzt Fabian Stumm selbst, kennt man auch tatsächlich vor allem von dort. Auf den zweiten Blick funktioniert das alles aber vor allem dank beträchtlicher filmischer Intelligenz. Fast stets stimmt das Timing, nicht nur der durchweg tollen Darsteller*innen, sondern auch der filmischen Mittel. Hier ein Zoom, da ein Schwenk oder an der perfekten Stelle der richtige Schnitt.

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Die Szenen sind mit nicht geringer Kunst aus dem Leben gegriffen.

Kameramann Michael Bennett ist auch oder ursprünglich Fotograf. Die Ausschnitte der tatsächlich manchmal fast fotografisch statischen Bilder sind präzise gewählt. Sie stehen aber nie nur für sich, sondern sind immer als manchmal fast leere Aufenthaltsräume für die einzelnen Szenen gebaut und gedacht. Die Kamera und der Schnitt sind, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, stets interaktiv.

„Sad Jokes“ besteht aus beweglichen Teilen – Spiel, Dialog, Bild, unaufdringlich intensivierend eher selten Musik –, ohne sich je zu sehr zu verfestigen. Nicht zu eindeutigen Stimmungen und auch nicht zu Pointen. Die fallen an, werden aber im Fortgang gleich wieder fluidisiert. Die Szenen sind mit nicht geringer Kunst aus dem Leben gegriffen. Fabian Stumm aber gibt sie dem Leben immer gleich wieder zurück.

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