Schau zu Samuel Becketts Fernsehstücken: Wozu das Fernsehen einmal fähig war

Isolierter könnten sie nicht sein, die vier in verschiedenfarbige Kapuzen­umhänge gehüllten Figuren. Zu sehen sind sie in dem Video „Quadrat 1“ des irischen Schriftstellers Samuel Beckett, das aktuell im Württembergischen Kunstverein gezeigt wird. Nacheinander tauchen sie auf und laufen hektisch die Seiten eines beigen Quadrats ab.

Immer wieder bewegen sich zwei von ihnen gleichzeitig auf die Mitte des Quadrats zu. Kurz bevor sie sich treffen, machen sie einen kleinen Bogen, dann setzen sie ihre hektische Tour fort. Kontaktaufnahme? Fehlanzeige. Irgendwann verlassen sie nacheinander das Bild. Das war’s. Ende des Films. Dauer: neun Minuten.

Eine minimalistische, abstrakte, bis ins kleinste Detail durchdachte Choreografie. Etwas, auf das sich der Betrachter einlassen muss. Nichts Ungewöhnliches für die konzentrierte Atmosphäre eines Ausstellungsraums. Und nichts Ungewöhnliches für den Literaturnobelpreisträger Samuel Beckett, den Spezialisten für Isolation, Verzweiflung und formale Reduktion.

So schön, so passend – oder eben auch nicht. Denn Becketts existenzielle Meditation wurde nicht für einen Ausstellungsraum konzipiert. Sondern für das Gegenteil davon: das Medium, das für Massengeschmack, Unterhaltung und oberflächliche Zerstreuung steht. Fürs Fernsehen. „Quadrat 1“ ist eine seiner „crazy interventions“, wie Beckett seine Fernsehproduktionen selbst nannte.

Die Ausstellung

„Über Fernsehen, Beckett“. Württembergischer Kunstverein Stuttgart, bis 12. Januar 2025

Sieben davon entwickelte er zwischen 1966 und 1985 für den Süddeutschen Rundfunk (SDR). Der Württembergische Kunstverein in Stuttgart widmet ihnen nun die Ausstellung „Über Fernsehen, Beckett“. Es ist das erste Mal weltweit, dass alle sieben Beckett-SDR-Fernsehspiele gleichzeitig zu sehen sind. Zum Glück. Und endlich. Denn die Ausstellung zeigt, wozu Beckett – und eben auch das Fernsehen – damals fähig waren.

Türen ins Nichts

Die durchweg intimen Kammerspiele sind fast alle in Grautönen gehalten. Zu sehen ist nie mehr als ein kahler, grauer Raum, manchmal nur ein Lichtkreis. Wenn es einmal Fenster oder Türen gibt, führen sie ins Nichts. Die Protagonisten sind vollkommen isoliert – und stehen dabei trotzdem unter ständiger Beobachtung, werden überwacht und angetrieben, von Stimmen, Geräuschen oder auch düsterer Musik.

Die beiden Ausstellungskuratoren, der irische Künstler Gerard Byrne und die ebenfalls irische Kuratorin Judith Wilkinson, haben sich ein interessantes Präsentationsformat überlegt: Obwohl für den Fernsehbildschirm produziert, werden die Fernsehspiele in kinosaalartigen Kuben auf große Leinwände projiziert.

Das intensiviert ihre Wirkung: Die Protagonisten treten dem Zuschauer in Lebensgröße entgegen. Die bedrückenden Szenenbilder setzten sich in den dunklen Kinosälen fort. Der Betrachter ist dem langsamen Erzählrhythmus und der formalen Strenge der Inszenierung ganz ausgeliefert.

Alles ist genau geplant

Unweigerlich stellt sich die Frage, ob sich ein heutiges Fernsehpublikum überhaupt noch auf die handlungsarmen Produktionen einlassen würde. Ohne auf einen der vielen weiteren Sender oder andere digitale Angebote auszuweichen, ohne sich vom Summen, Blinken oder Klingeln des Handys ablenken zu lassen?

Zur Entstehungszeit von Becketts Fernsehspielen gab es diese Form der Ablenkung noch nicht. Bis Mitte der 80er Jahre standen den Zuschauern in Deutschland maximal drei öffentlich-rechtliche Fernsehprogramme zur Verfügung. Erst mit dem Start der Privatsender 1984 begann der Wettbewerb auf dem Fernsehmarkt.

Originaldokumente in der Ausstellung zeigen, wie akribisch Beckett die Möglichkeiten nutzt, die der SDR ihm damals bietet. Jeder Schritt, jede Kamerabewegung, jeder Lichteinsatz ist genau geplant. Der Ire hat sich bis ins kleinste Detail mit dem Medium Fernsehen auseinandergesetzt. Schon zu seiner ersten SDR-Produktion „He Joe“ 1966 erschien er mit einem technisch vollständig ausgearbeiteten Drehbuch.

Ganz Kinder ihrer Zeit

Becketts Fernsehspiele haben etwas Zeitloses – und sind doch ganz Kinder ihrer Zeit. Auch das wird dank zeitgenössischer Dokumente in der Ausstellung deutlich. Die Themen Überwachung, Isolation und Gerechtigkeit waren im Stuttgart der siebziger Jahre hyperpräsent.

Denn Becketts zweite SDR-Produktion wurde am 1. November 1977 ausgestrahlt, zwei Wochen nachdem die erste Generation der RAF im Gefängnis in Stuttgart-Stammheim tot aufgefunden worden war. Eine Woche zuvor hatte in der Stuttgarter Domkirche das Staatsbegräbnis für Hanns Martin Schleyer stattgefunden.

Auch wenn Becketts Fernsehspiele wahrscheinlich nie für ein Massenpublikum gedacht waren und es wohl auch nie erreicht haben, eines macht „Über Fernsehen, Beckett“ doch mehr als deutlich: In den richtigen Händen und unter den richtigen Produktionsbedingungen kann das Fernsehen Programme produzieren, die sogar fünfzig Jahre später noch eine eigene Ausstellung wert sind.

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