Auch am Donnerstag waren Hunderte von Mittelschulen und Dutzende von Hochschulfakultäten in Frankreich geschlossen oder von Streikenden blockiert. In Paris und allen größeren Städten des Landes fanden Demonstrationen statt.
Der französischen Staatsführung gelingt es nicht, die Schülerbewegung zu beruhigen oder zu stoppen
Der französischen Staatsführung gelingt es nicht, die Schülerbewegung zu beruhigen oder zu stoppen. Premierminister Sébastien Lecornu hätte die Chance dazu gehabt, als er sich Mittwochabend in einer als feierlich angekündigten Rede aus seinem Regierungspalast Matignon an die Nation – vor allem aber an die aufbegehrenden Jugendlichen – gewandt hatte. Sie hätten in einer Demokratie wie Frankreich das Recht, sich zu beschweren und Forderungen zu stellen, beschied er ihnen. Doch nun müssten sie wieder in ihre Klassenräume und Hörsäle zurückkehren.
Dass Lecornu auf keine einzige der konkreten Forderungen einging, um irgendwelche Zugeständnisse in Aussicht zu stellen, sondern lediglich versprach, die Regierung werde innerhalb eines Monats Vorschläge machen, wirkte auf die Schülerbewegung wie eine Provokation. Lecornu wolle bloß auf Zeit spielen, meinte Ryad Rani, einer der Sprecher der Mittelschüler*innen, im Fernsehen.
Erinnerungen an die Revolte von 1968
Er nutzte die Gelegenheit seines Live-Auftritts, um die Jugendlichen und auch alle, die sich mit diesen solidarisieren wollten, aufzufordern, bei den Aktionen und Kundgebungen des „vierten Akts“ der Bewegung am Donnerstag teilzunehmen.
Proteste in Frankreich
Tatsächlich geht die von den Mittelschüler*innen ins Rollen gebrachte Bewegung nun immer mehr in die Breite. Studierende zusätzlicher Universitäten haben sich angeschlossen. Am Mittwoch wurde die Eliteschule für politische Wissenschaften SciencesPo in Paris besetzt, auf dem benachbarten Boulevard Saint-Germain kam der Verkehr zeitweilig durch eine Barrikade – die an Bilder der Jugendrevolte des Mai 1968 erinnern – zum Erliegen.
„Katholisch, aber nicht faschistisch“
Aufsehen erregte aber am Donnerstag eine Demonstration vor dem Institut catholique de Paris. Die Studierende dieser bestens ausgestatteten privaten Fakultät, die sich bislang nie an solchen Mobilisierungen beteiligt hatte, erklären sich solidarisch mit ihren Gleichaltrigen in den öffentlichen Schulen, die wegen ihrer verschlechterten Studienbedingungen rebellieren. Auch sie sagen, sie wollten es nicht hinnehmen, dass die Staatsführung die Minderjährigen nicht ernst nehme.
Auf ihren Schildern stand unter anderem „Catho, mais pas facho!“ Nur, weil ihre Universität eine katholische Privatschule ist, seien sie noch lange keine Faschisten, möchten sie damit klarstellen. Damit distanzierten sie sich auch von einer extremen Rechte, die auf harte Repressionen zur Wiederherstellung der Ordnung drängt.
Antifa-Slogans wie „Faché, mais pas facho“ sind in dieser Jugendbewegung besonders populär. Die Solidarität einer Generation ist in Opposition zur Autorität der Behörden am Entstehen. Dass mittlerweile mehr als 6.600 Jugendliche bei den Protestaktionen festgenommen und mindestens 5 bei Polizeieinsätzen schwer verletzt wurden, fördert diese Dynamik einer Revolte.
Konfrontation mit einer ganzen Generation
Bezeichnend für die wachsende Breite der Bewegung war auch die starke Mobilisierung vor der juristischen Fakultät an der Rue d’Assas, wo Hunderte von Studierenden ein Sit-in organisierten, bei dem sie unter anderen der anfeuernden Rede des 26-jährigen Abgeordneten Louis Boyard von der Linkspartei La France insoumise applaudierten. Diese Universität war lange Zeit eine politische Hochburg der Rechten. Die Regierung ist von Tag zu Tag stärker mit einer ganzen Generation konfrontiert.
Um zu verhindern, dass sich die Jugendrevolte ausweitet, namentlich auf die um ihre Kaufkraft bangenden Verbraucher, hat Regierungschef Lecornu eine Senkung der Dieselpreise um 12 bis 18 Cents angekündigt, weil der Staat auf seine Lagerbestände zurückgreife. Seit Wochen zirkuliert für den 17. Oktober ein Aufruf zu einem „Aufstand“ gegen die zu hohen Energie- und Treibstoffpreise. Eine solche namentlich von LFI gewünschte „Konvergenz der Wut“ ist Lecornus Katastrophenszenario.







