Sondierungsgespräche in Berlin: Zurück auf dem Boden der Realpolitik

In der Hauptstadt nehmen Linke, Grüne und SPD jetzt Kurs auf ein Linksbündnis. Leicht wird es nicht.

S eit dem Wahlsieg der Linken in Berlin konnte man den Eindruck gewinnen, die Stadt werde bald von Kommunisten, Islamisten und kriminellen Clans übernommen. Vergessen wurde dabei, dass die Linke in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern längst mitregiert, und in Thüringen und Sachsen sogar CDU-geführte Landesregierungen toleriert. Auch einen linken Ministerpräsidenten, Bodo Ramelow in Thüringen, hat die Bundesrepublik überlebt. Aber eine von der Linken angeführte Stadtregierung in der Hauptstadt ist etwas anderes.

Doch allmählich legt sich die Aufregung. Grüne und SPD lassen sich in der Hauptstadt auf Gespräche mit Wahlgewinnerin Elif Eralp ein und nehmen Kurs auf ein rot-grün-rotes Bündnis. Sie kehren damit auf den Boden der Realpolitik zurück. Auch die Union und die Boulevardmedien sollten jetzt verbal abrüsten.

Die Anwürfe gegen die Linke kamen nicht überraschend, aber sie waren überraschend heftig. Sie erinnerten an die Kampagne gegen New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani, dem fast wortgleich „Kommunismus“, „Islamismus“ und „Antisemitismus“ vorgeworfen wird. Erst am Freitag stand Israels wegen Kriegsverbrechen gesuchter Premierminister Benjamin Netanjahu vor der UN-Vollversammlung und behauptete, wegen Mamdani seien Jüdinnen und Juden in New York nicht mehr sicher. Das ist Panikmache.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.

taz debatte

=”” div=””>

Die Enteignungsfrage

In Berlin will die Linke große Wohnungsbaukonzerne enteignen und sie kritisiert die deutsche Unterstützung für Israels Kriege. Das passt nicht jedem. Aber jetzt geht es darum, die Dinge nüchtern anzugehen und pragmatische Lösungen zu finden. Das viel beklagte „Antisemitismus-Problem“ der Partei etwa schrumpft, bei näherer Betrachtung, auf den Auftritt eines fragwürdigen Rappers beim Neuköllner Bezirksverband zusammen – und auf ein paar Aktivisten, die dort fragwürdige Dinge gesagt oder Nähe zu fragwürdigen Organisationen haben sollen.

Die Grünen fordern deshalb, die Linke solle personelle Konsequenzen ziehen. Parteiausschlussverfahren sind aber langwierig und vor allem Symbolik, sie sorgen für böses Blut und überzeugen niemanden. Besser wäre ein Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber fragwürdigen Organisationen – und noch besser wären konstruktive Maßnahmen, damit sich Jüdinnen und Juden in Berlin sicher fühlen können.

Größer noch sind die Hürden in der Frage von Vergesellschaftung und Enteignung. Denn da geht es um handfeste wirtschaftliche Interessen und viel Geld. Hier einen Kompromiss zu finden, könnte wohl die größte Herausforderung für eine rot-grün-rote Koalition werden.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum”. Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.

Jetzt unterstützen

  • informationsspiegel

    Related Posts

    IT-Ethik-Professorin über KI: „Was die Leute wollen, ist nicht das, was ihnen guttut“
    • October 12, 2026

    Wie gefährlich ist künstliche Intelligenz wirklich? Und wie könnte sie sicherer werden? Die IT-Ethikprofessorin Judith Simon gibt Antworten. mehr…

    Weiterlesen
    Sozialisten in Frankreich: Raphaël Glucksmann wird Kandidat bei Präsidentschaftswahlen
    • October 12, 2026

    Der EU-Abgeordnete Glucksmann geht bei den Präsidentenwahlen 2027 für die Sozialisten ins Rennen. Dass er in die Stichwahl kommt, ist allerdings unwahrscheinlich. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    IT-Ethik-Professorin über KI: „Was die Leute wollen, ist nicht das, was ihnen guttut“

    • 9 views
    IT-Ethik-Professorin über KI: „Was die Leute wollen, ist nicht das, was ihnen guttut“

    Sozialisten in Frankreich: Raphaël Glucksmann wird Kandidat bei Präsidentschaftswahlen

    • 9 views
    Sozialisten in Frankreich: Raphaël Glucksmann wird Kandidat bei Präsidentschaftswahlen

    Bilderbuch in Berlin: Die Welt ist ja auch stressig

    • 9 views
    Bilderbuch in Berlin: Die Welt ist ja auch stressig

    Ulrich Siegmund droht Fabian Köster: Ein bisschen Spaß muss sein

    • 9 views
    Ulrich Siegmund droht Fabian Köster: Ein bisschen Spaß muss sein

    Politische Krise: „Maskierter Coup“ in Pakistan

    • 9 views
    Politische Krise: „Maskierter Coup“ in Pakistan

    Ölpreise treiben Geldentwertung: Europäische Zentralbank soll fossile Inflation bremsen

    • 8 views
    Ölpreise treiben Geldentwertung: Europäische Zentralbank soll fossile Inflation bremsen