Spielfilm „Das Mädchen mit der Nadel“: Überleben im Dämmerlicht

Ehe Karoline (Vic Carmen Sonne) zum „Mädchen mit der Nadel“ wird, hat sie bereits ein langes Martyrium hinter sich. Weil sie mit der Miete im Rückstand war, hat sie ihr Vermieter aus ihrer kärglichen Kammer in einem ärmlichen Viertel von Kopenhagen geworfen. Danach muss sie in einen finsteren Verschlag ohne fließend Wasser umziehen. Das kleine Fenster lässt sich nicht öffnen, dafür hat das Dach ein Leck.

Je tiefer die junge Frau fällt, desto mehr schwindet auch das Licht aus diesem düsteren Drama des schwedischen Regisseurs Magnus von Horn. Der polnische Kameramann Michał Dymek transkribiert den Gemütszustand von Karoline in kontrastreiche Schwarz-Weiß-Bilder, die dem Film unmittelbar die finstere Aura des Unheimlichen verleihen. Auch wenn sie sich erhellen, sobald Karoline neue Hoffnung schöpft, geht von ihnen etwas Bedrohliches aus.

Etwa als Jørgen, der Besitzer der Fabrik (Joachim Fjelstrup), in der die Protagonistin als Näherin arbeitet, ihr seine aufrichtige Aufmerksamkeit widmet und sich die Dinge für Karoline zum Besseren zu wenden scheinen. Sie tauschen Zärtlichkeiten aus, die im scharfen Kontrast zur sozialen Härte stehen, die das eigentliche Sujet des Films bleibt.

Denn Magnus von Horn, der das Drehbuch gemeinsam mit Line Langebek Knudsen verfasste, weitet den Blick immer wieder zu einem grimmen Panoptikum des Proletariats, das sich am Ende des Ersten Weltkriegs mit schwerer körperlicher Arbeit über Wasser zu halten versucht, mit verhärteten Gesichtern durch die schlammigen Straßen der Stadt huscht und weder Kraft noch Kapazitäten besitzt, sich um die Sorgen des jeweils Nächsten zu scheren.

Der Film

„Das Mädchen mit der Nadel“. Regie: Manus von Horn. Mit Vic Carmen Sonne, Trine Dyrholm u. a. Dänemark/Polen/Schweden 2024, 115 Min.

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Eine Aschenbrödel-Geschichte hat darin freilich keinen Platz, und so wird Karoline vom eigentlich heiratswilligen Jørgen verlassen, als dessen Mutter mit Enterbung droht. Auch ihre Anstellung verliert sie. Zudem kehrt mit Peter (Besir Zeciri) der Mann zurück, mit dem sie eigentlich bereits verheiratet ist. Anders als von Karoline vermutet, ist der Soldat zwar nicht gefallen. Doch wurde ihm ein Teil des Gesichts durch ein Geschoss weggesprengt, sodass er es nun unter einer Maske verbirgt.

Spiel mit Erwartungen

Wenn Karoline wenig später zur titelgebenden Nadel greift, scheint es für einen Augenblick, als würde sie ob ihrer ausweglosen Situation, der Verzweiflung und zahlreichen Enttäuschungen endgültig zu der Serienmörderin, von der das Historiendrama laut Ankündigung handelt. Doch dem Film „Das Mädchen mit der Nadel“ gelingt es, auch durch seine starke Besetzung, lange undurchschaubar zu bleiben und mit Erwartungen zu spielen.

Tatsächlich will Karoline mit dem spitzen Strickwerkzeug das nun ungewollte Baby des Fabrikbesitzers in einem öffentlichen Bad abtreiben. Eine fremde Frau namens Dagmar (Trine Dyrholm) bemerkt, was sie vorhat, hindert sie daran, sich weiter zu verletzen, und bietet Karoline ihre Hilfe an. Sobald sie das Kind geboren hat, solle sie zu ihr kommen. Dann werde Dagmar es, gegen eine Gebühr, an eine geeignete Pflegefamilie vermitteln.

Karoline tut wie geheißen und wird sogar zur Amme für die Tochter Dagmars, die heimlich eine Art illegale Adoptivagentur für verzweifelte Frauen aus der Arbeiterschicht zu betreiben scheint. In Karoline wird abermals die Hoffnung geweckt: Bald verbindet sie eine enge Beziehung zu Dagmar und deren Tochter Erena (Ava Knox Martin), sie gehen gemeinsam ins Kino und betäuben sich mit Ether und Naphtha, wenn das Lichtspielhaus allein nicht genug Helligkeit in den trostlosen Alltag bringt.

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Erst gegen das Ende hin offenbart „Das Mädchen mit der Nadel“ sein grausames Geheimnis und die wahren Ereignisse, von denen der Film inspiriert ist, der nun für Dänemark ins Rennen um den internationalen Oscar geht. Magnus von Horns vermeintliches Schauermärchen entpuppt sich dann, trotz aller Grausamkeiten und grotesker Überhöhungen, als mitfühlendes Sozialdrama. Eines, in dem auch ein überzeugendes Plädoyer für staatliche Fürsorgepflicht und weibliche Selbstbestimmung mitschwingt.

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