Spielfilmdebüt „Truly Naked“: Sex und Unbehagen

Pornografie ist eines der am stärksten konsumierten Medienprodukte der Gegenwart und zugleich eines der am wenigsten offen diskutierten. Wie ungleich Frauen und Männer daran partizipieren, zeigt eine oft zitierte Studie des Psychotherapeuten Rudolf Stark: Während rund 80 Prozent der befragten Männer regelmäßig Pornos schauen, gilt das nur für jede dritte Frau.

Die Gründe für diese Differenz sind sicherlich vielfältig. Dass sie auch mit den Bildern selbst zu tun haben, liegt allerdings nahe: Zahlreiche Inhaltsanalysen zeigen, dass verbale wie physische Erniedrigungen von Frauen im Mainstream-Porno keineswegs Randerscheinungen sind, sondern zum Standardrepertoire gehören.

Was solche Bildwelten mit Vorstellungen von Intimität, Sex und vor allem der Liebe anstellen, gehört zu den Fragen, die Muriel d’Ansembourg in ihrem Spielfilmdebüt aufgreift – allerdings ohne eine didaktische Abhandlung über die gesellschaftlichen Folgen von Pornografie sein zu wollen. Dafür ist allein schon das Setting dieser ungewöhnlichen Coming-of-Age-Erzählung zu abseitig.

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Der Film

„Truly Naked“. Regie: Muriel d’Ansembourg. Mit Caolán O’Gorman, Andrew Howard u.a. Niederlande/Belgien/Frankreich 2026, 102 Min.

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Nach Schulschluss

Im Zentrum von „Truly Naked“ steht der junge Alec (Caolán O’Gorman), der noch zur Schule geht, aber nach Unterrichtsschluss hinter die Kamera tritt, um die Pornofilme seines Vaters Dylan (Andrew Howard) zu drehen. So extrem diese Familienkonstellation klingt, so wenig Interesse zeigt „Truly Naked“ allerdings an billiger Provokation.

Das liegt auch daran, dass d’Ansembourg spürbar an den Widersprüchen ihrer Figuren interessiert ist. So hadert Alec zwar durchaus mit dem Beruf seines Vaters, bewegt sich aber dennoch mit beunruhigender Selbstverständlichkeit zwischen Schule und Set, wo er mit nüchterner Professionalität agiert. Der Teenager kennt die Erwartungen der Konsumenten, denkt in Einstellungen und Verwertbarkeit – und wirkt dabei abgeklärter als die Erwachsenen.

Als durch seine Mitschülerin Nina (Safiya Benaddi) eine andere Form von Nähe in sein Leben tritt, gerät diese fragile Balance ins Wanken. In den tastenden Annäherungen der beiden Jugendlichen zeigt „Truly Naked“ präzise, wie sehr Alecs Blick bereits von pornografischen Mustern geprägt ist: Intimität erscheint ihm als etwas, das gesteuert und performt werden muss – nicht als etwas, das sich entwickelt. Spannend ist, wie D’Ansembourg diese Prägung durch dominante Männlichkeitsbilder sichtbar macht, in Gesten, Blicken und Unsicherheiten.

Vater-Sohn-Konflikt am Set

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Durch Ninas Denkanstöße stellt sich Alec plötzlich Fragen, denen er zuvor ausgewichen ist, und so geraten er und sein Vater zunehmend aneinander. Die Fronten verhärten sich, als Alec dessen Auftreten am Set, seine Sprache und seinen Umgang mit Darstellerinnen kritisiert.

Ausgerechnet in der Psychologisierung des Vaters überzeugt „Truly Naked“ später aber leider nicht mehr. Zunächst als ambivalent und durchaus zugewandt gezeichnet, agiert Dylan plötzlich immer rücksichtsloser am Set. Dass er von seinen Darstellerinnen zunehmend extreme Grenzüberschreitungen verlangt, kann man als Kommentar auf die Eskalationslogik einer Branche lesen, die von Klicks und Kicks abhängig ist, es wurde zuvor aber nicht glaubhaft in der Figur angelegt.

Umso bedauerlicher ist, dass „Truly Naked“ in diesem Zuge auch seine filmische Zurückhaltung aufgibt. Spätestens der Einsatz eines lebenden Oktopusses markiert einen Bruch mit der bis dahin bemerkenswert kontrollierten Inszenierung, und wirkt wie ein kalkulierter Schockeffekt.

Doch ausgerechnet dort, wo „Truly Naked“ irritiert, erzeugt der Film ein Unbehagen, das nachwirkt. Denn wenn weibliche Unterordnung zum visuellen Grundrauschen von Mainstream-Pornos gehört, stellt sich weiterhin eine Frage, die kaum eine beruhigende Antwort zulässt: Warum eigentlich?

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