Jahrelang passierte wenig, und jetzt wurden binnen einer Woche gleich zwei Weichen gestellt: Erst hat sich ein Arbeitskreis aus Landesregierung, dem Braunkohleriesen RWE, Umwelt-NGOs und Kommunen darauf geeinigt, den Hambacher Wald in die öffentliche Hand zu überführen. Bis 2035 soll ein „Wildnisentwicklungsgebiet“ entstehen.
Der Erhalt des Hambi ist damit politisch besiegelt. Noch weiß jedoch niemand, wie hoch sich Eigentümer RWE seinen Abgang vergolden lassen will und wie genau man wohl Wildnis entwickelt.
Was aber macht man mit den 85 Quadratkilometern Fläche drumherum? Am Samstag lud die „Initiative Freund*innen der Malzfabrik Buir“ zum Ideenaustausch in das ehemalige Fabrikgebäude, direkt am S-Bahnhof Buir gelegen. Die frühere Fabrik, bis 2025 noch als Getreidespeicher genutzt, ist eine Landmarke, 38 Meter hoch und kaum zwei Kilometer von den Resten des Hambi entfernt. Jetzt soll sie zum weithin sichtbaren Infozentrum für spätere BesucherInnen werden.
Zahlreiche Ideen und Pläne zur Nachnutzung der Braunkohle-Welt ploppten auf, engagiert diskutiert zwischen Anwohnern, Wissenschaftlerinnen, Aktivisten, Künstlerinnen mit Strukturwandel-Verantwortlichen der Neuland Hambach GmbH und der grünen NRW-Wirtschaftministerin Mona Neubaur. Ziel: „Enkeltaugliche Transformation“ der „Tagebaufolgelandschaften“ mit „Zielgruppenspagat“ zwischen Kultur, Tourismus, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Nutzung. Übergeordnet fragte Neubaur: „Wie geben wir den Menschen Frieden zurück? Das wird Generationen beschäftigen.“
Braunkohlebagger im See versenken
Im einzig erhaltenen Dorf, dem weitgehend entsiedelten Morschenich-Bürgewald, gibt es die meisten konkreten Planungen: Bioökonomie mit Systemen von Solaranlagen über landwirtschaftlich genutzten Böden. Andere Forschungsvorhaben im möglichst energieautarken Ort sollen folgen. Eine Landkommune will ein selbstverwaltetes Lebensmodell aufziehen, jetzt schon leben in einer Wohnwagensiedlung mitten im Ort ehemalige Hambi-BesetzerInnen.
Den Bagger in den werdenden See setzen und vom steigenden Pegel allmählich überspülen zu lassen? Ein Mahnmal der Selbstvernichtung
Vom weggebaggerten Dorf Manheim bleiben die Kirche und ein denkmalgeschützter Vierkanthof direkt am Rand des geplanten Sees, komplett gefüllt frühestens 2070. Dazu ist ein riesiger Braunkohlerbagger vorgesehen, mehr als doppelt so hoch wie die Kirche direkt daneben. Darum gab es heftige Debatten: Soll dem Werkzeug der Vernichtung im „Kulturpark Manheim alt“ ein Denkmal gesetzt werden? Oder wird dadurch das Spannungsfeld zwischen Zerstörung und Aufbau symbolisiert? Charmanter wäre, den Bagger am Uferrand in den werdenden See zu setzen und vom steigenden Pegel allmählich halb überspülen zu lassen. Ein Mahnmal der Selbstvernichtung.
Im Buirer Siloturm möchte auch die „hambitionierte Ausstellung“ über den Widerstand gegen Naturverbrechen und Heimatvertreibung, ein Projekt der Initiative „Buirer für Buir“, Heimat finden. „Bewegung und Begegnung an der Kante“ heißt sie und wandert seit zwei Jahren auf Pop-up-Tour durch die Region. Ihr könnte bald ein Sonderteil für den „Mönch von Lützerath“ angegliedert werden.
Der französische Altenpfleger war Anfang 2025 vom Amtsgericht Erkelenz zu 140 Tagessätzen à 30 Euro verurteilt worden – wegen unbotmäßigen Schubsens eines Polizisten in den Schlamm bei der großen Lützerath-Demo im Januar 2023. Weil Loïc S. aus Nancy dabei eine braune Franziskanerkutte trug, um „Spiritualität in den Widerstand“ zu bringen, war er umgehend zum Medienstar geworden.
Derzeit hat der 30-Jährige, in Frankreich „Deutscher Schlamm-Wizard“ genannt, neuen Ärger. Im Mai hat ihm die Staatsanwaltschaft eine Schadenersatz-Rechnung über 53.000 Euro geschickt – weil er bei einer Demo gegen ein gigantisches Wasserprojekt in Sainte-Soline Polizeiautos beschädigt haben soll. „Das ist ein harter Versuch, mich zum Schweigen zu bringen“, meint er. In Buir würde er gehört und gesehen. Wie es mit den anderen Ideen für den Hambi und seine Umgebung weitergeht, wird sich Schritt für Schritt zeigen.






