Streit um Atomkraft: Union will sechs AKWs reaktivieren

Berlin taz | Die Unionsfraktion gibt den Traum vom AKW nicht auf. Teile von CDU und CSU wollen die letzten sechs Atomkraftwerke, die Ende 2021 und im April 2023 vom Netz gingen, reaktivieren. Über ein entsprechendes Papier hatte zuerst das Handelsblatt berichtet. Sollten die Betreiber kein Interesse haben – wonach es aufgrund der betriebswirtschaftlichen Risiken aussieht –, könne, so der Vorschlag, der Staat die Anlagen übernehmen.

Zwar gibt es keinen vollständigen Überblick über den Rückbauzustand der einzelnen Kraftwerke, doch bei zumindest einigen der Blöcke ist eine Reaktivierung kaum mehr denkbar. Der Energiekonzern EnBW zum Beispiel hatte bereits Ende 2024 erklärt, der Rückbau aller seiner Reaktoren sei so weit ­fortgeschritten, dass er „praktisch gesehen irreversibel“ sei. Selbst am Block II in Neckarwestheim, der unter den letzten noch betriebenen Reaktoren war, begannen bereits im Sommer 2024 größere Rückbaumaßnahmen; inzwischen ist dort schon ein Teil des Primärkreislaufs ausgebaut, ein Herzstück der Anlage.

Vergleichbar ist die Situation offenbar im Kraftwerk Isar 2, wo Betreiber PreussenElektra sich ähnlich positionierte. Auch bei den verbleibenden vier Blöcken ist der Rückbau zum Teil schon weit fortgeschritten. Im RWE-Reaktor Gundremmingen C in Bayern wurde bereits im vergangenen Jahr ein Teil des Kühlturms abgebaut, auch die Generatoren sind demontiert.

Am ehesten noch umzukehren wäre wohl der Rückbau der Reaktoren Brokdorf (Schleswig-Holstein) und Emsland (Niedersachsen). Doch selbst wenn einzelne der Blöcke wieder in Gang zu bringen wären, würden sich zahlreiche Fragen stellen. Bei einigen Blöcken dürfte ein Neustart rechtlich als Neubau zu bewerten sein – mit aufwendigem Genehmigungsverfahren.

Wohin mit dem Müll?

Zudem stellen sich technische Herausforderungen. Zum Beispiel dürften manche Komponenten, die im Kontrollbereich schon entfernt wurden, nur unter hoher Strahlenbelastung neu zu installieren sein. Hohe Kosten dürften außerdem durch Entschädigungen anfallen, weil Rückbaufirmen verbindlich beauftragt sind.

Darüber hinaus wären die Kosten für die Endlagerung des künftig anfallenden Atommülls ein heikles Thema: Wie froh waren die AKW-Betreiber, als sie im Juli 2017 die Kostenrisiken der Endlagerung aus ihren Bilanzen ausbuchen konnten. Zuvor hatten sie gut 24 Milliarden Euro an den Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung überwiesen.

Da die Risiken einer Neuinbetriebnahme für jedes Privatunternehmen unkalkulierbar wären, hält die Union nun eine staatliche Betreibergesellschaft für denkbar. Weil auch CDU/CSU nicht wissen, ob eine Wiederinbetriebnahme einzelner Blöcke praktikabel ist, schlagen sie im ersten Schritt eine Überprüfung vor. Gemeinsam sollen die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit und die Reaktor-Sicherheitskommission bis Juli den Rückbaustatus eines jeden Blocks klären. Bis dahin solle der weitere Rückbau ruhen.

Die noch geschäftsführende Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) nannte die Gedankenspiele „realitätsfern“. Mit verantwortungsvoller Energiepolitik hätten sie nichts zu tun.

  • informationsspiegel

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